von Thomas Lemke, Vorstand Sana Kliniken AG
Bei Privatisierungen stellt sich immer die Frage nach dem "richtigen" Kaufpreis. Ein einheitlicher, allgemein gültiger Unternehmenswert existiert jedoch nicht. Daher kommt es darauf an, dass Verkäufer und Käufer die komplexen Einflussgrößen für eine realistische Bewertung kennen. So können sie sich in den Verhandlungen auf die Suche nach dem besten Zukunftsmodell für ein Krankenhaus konzentrieren.
Bei der Bewertung eines Unternehmens werden je nach dem Anlass und der Perspektive der Beteiligten unterschiedliche Methoden herangezogen. So wird ein Wirtschaftsprüfer zum Zwecke des Jahresabschlusses sicher anders bewerten als ein potentieller Käufer. Für letzteren zählen vor allem die Erwartungen an die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens und seine Einschätzung eventuell gegebener Risiken. Bezahlt wird letztlich für den Gewinn, den der Käufer sich für die Zukunft verspricht.
Bei Kliniken, die rote Zahlen schreiben, liegt die Problematik dieser Bewertungsgrundlage auf der Hand. Investitionen des Käufers, die erforderlich sind, um das Haus wieder gewinnbringend zu machen, mindern den erzielbaren Kaufpreis. Die Untergrenze für die Kaufpreisfindung bildet üblicherweise der Liquidationswert, also der Wert, der bei einer Geschäftsaufgabe für die Vermögenswerte erzielbar ist. Hier birgt der Klinikmarkt jedoch besondere Tücken: Durch die Duale Finanzierung sind die Vermögenswerte, in der Regel Baulichkeiten und Grundstücke, durch zweckgebundene Fördermittel finanziert. Eine Verwertung durch Veräußerung ist daher nicht möglich. Damit ergibt sich regelmäßig ein Liquidationswert von Null oder sogar ein negativer Wert, obwohl das Krankenhaus von außen betrachtet als Vermögensmasse sehr wertvoll erscheint. Dies führt häufig zu Verwirrung in der Öffentlichkeit und zu dem ungerechtfertigten Eindruck, dass öffentliches Vermögen an private Investoren "verramscht" wird.
Eine weitere Besonderheit im Krankenhausmarkt besteht zudem darin, dass Investitionskosten nicht in den Krankenhauserlösen abgebildet sind. Das Krankenhaus darf lediglich die Kosten des Betriebs in seine Preisbildung einbeziehen. Investitionen sind durch die Bundesländer zu finanzieren – eine Verpflichtung, denen sich die Länder in der Vergangenheit immer weniger gestellt haben. Dies hat in vielen Kliniken zu einem erheblichen Investitionsstau geführt. Bei Übernahme durch einen privaten Träger sind daher in der Regel erhebliche Investitionen zu tätigen. Diese Finanzbedarfe belasten den Kaufpreis, da eine Refinanzierung von Investitionen und Kaufpreisen aus dem Betrieb nicht geleistet werden kann.
Daher spricht man im Krankenhausmarkt auch häufig von Kaufpreisvolumen, da kein oder nur ein geringer Kaufpreis an den Verkäufer gezahlt wird. Vielmehr wird der Kaufpreis großenteils unmittelbar in die Infrastruktur des Krankenhauses investiert – und manchmal ist der "schlechte" Verkaufspreis für eine Kommune die beste Investition in die Zukunft ihres Standorts.