Sana Blaubuch

12 Zwischen Verharren und Aufbruch Anfang der 1980er Jahre zeichnet sich in Deutsch- land ein politischer Wendepunkt ab: Kanzler Hel- mut Schmidt stürzt über ein konstruktives Miss- trauensvotum. Im Oktober 1982 beginnt die Ära Helmut Kohl. Mit seiner Regierungserklärung setzt er klare Zeichen: «weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt », «weg von kollektiven Lasten, hin zur persönlichen Leistung», «weg von verkrusteten Strukturen, hin zu mehr Beweglichkeit, Eigen­ initiative und verstärkter Wettbewerbsfähigkeit ». Die wirtschaftliche Lage ist nach der zweiten Ölkrise 1978 angespannter denn je. Erstmals steigt die Arbeitslosenquote in Deutschland über zwei Millionen, das Wirtschaftswachstum rutscht 1982 auf minus ein Prozent ab. Allerdings weht auch ein frischer Wind durch die Republik: 1983 ziehen als vierte Partei die Grünen in den Bundestag ein. Darüber hinaus kommt der Personal Com- puter nach Deutschland, mit dem der Aufbruch in digitale Lebens- und Arbeitswelten beginnt. Zunehmend wird klar, dass ein fundamentaler Wandel seinen Lauf nimmt, von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Von der Versor- gungsmentalität zum Unternehmertum, vom starren Silodenken zu vernetzten, offenen Struk- turen. Eine Gesellschaft ringt um ihren Platz zwischen Verharren und Aufbruch—und immer mehr finden ihren persönlichen Weg. Zum Beispiel die Stadt Hürth. Seit Jahren kämpft die 50000-Bürger-Kommune vor den Toren Kölns mit Haushaltsproblemen. Einer der Haupt- verursacher ist das städtischeAllgemeinkranken- haus, das die Kommune mit einem jährlichen Defizit von 700000 Mark belastet. Das 140-Bet- ten-Haus ist baulich heruntergekommen, Opera- tionssäle, Patientenzimmer und die Notaufnahme müssten dringend modernisiert werden, und die Belegung ist mit lediglich 62 Prozent auf einem erschreckenden Tiefstand. Viele Hürther Bürger meiden das eigene Krankenhaus und lassen sich lieber im benachbarten Köln behandeln. Als das Haus nach 70-jährigem Bestehen endgültig auf- gelöst werden soll, beschließt der Stadtrat 1984 die Übergabe der Einrichtung an die Sana Kliniken Gesellschaft. Damit betritt die Stadt Hürth Neuland: Erstmals in Deutschland wird ein kommunales Krankenhaus privatisiert. «Für die Stadt war es nicht einfach, ein jahr- zehntelang selbst geführtes Krankenhaus einem privaten Träger anzuvertrauen, ohne die Sicher- heit zu haben, dass etwas Gutes daraus entsteht », erinnert sich Dr. Weissenböck, der die Verhand- lungen mit der Stadt und anfangs auch die Ge- schäfte des Hauses führt. Das Experiment gelingt: Durch eine umfas- sende Modernisierung des Gebäudes, durch die Ausstattung mit modernen medizinisch-technischen Geräten, durch die Aufstockung des Personals und nicht zuletzt dank des professionellen Klinik- managements schafft Hürth die Trendwende. Zehn Jahre später arbeiten 50 Prozent mehr Ärzte und 40 Prozent mehr Pflegepersonal im Hürther Krankenhaus. Nach dem Umbau, in den Mehr Markt, weniger Staat Mit der Vereidigung des neuen Bundeskanzlers Helmut Kohl verändert sich das politische Klima in Deutschland. A u f b r u c h d e r P i o n i e r e

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