Radevormwald

Interview mit Ngo Thuy Giang Dinh Schmerztherapie im Krankenhaus

Ngo Thuy Giang Dinh ist Leitende Oberärztin der Abteilung für Anästhesie im Sana Krankenhaus Radevormwald und Fachärztin für spezielle Schmerztherapie. (Foto: Studio Schloen, Köln)

Der Deutsche Schmerz- und Palliativtag stand in diesem Jahr als Online-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin unter dem Motto „Individualisierung statt Standardisierung“. Auch am Sana Krankenhaus Radevormwald werden Schmerztherapien an individuelle Bedürfnisse angepasst. Teilweise können Patientinnen und Patienten ihre Schmerzmedikation sogar selbst einstellen. Ngo Thuy Giang Dinh, Leitende Oberärztin der Abteilung für Anästhesie und unter anderem Fachärztin für spezielle Schmerztherapie, erklärt im Interview, wie moderne Schmerztherapie in Radevormwald funktioniert.

Frau Dinh, warum muss sich die Medizin überhaupt mit dem Thema Schmerz auseinandersetzen? Es gibt doch genug Medikamente, die ihn unterdrücken können…

Giang Dinh Das ist sicher richtig, aber nicht immer gut. Statt Schmerzen zu bekämpfen und dann mitunter auch Medikamente in der Selbsttherapie überzudosieren, sollte man der Ursache auf den Grund gehen. Wir erleben das beispielsweise gerade im Zuge der pandemischen Situation: Die Menschen haben Angst vor Ansteckung und meiden so lange es geht medizinische Einrichtungen wie Praxen oder Krankenhäuser. Haben sie Schmerzen, nehmen sie Medikamente, was wiederum Folgen für den Magen-Darm-Trakt haben kann – insbesondere wenn diese Mittel zu stark dosiert oder über einen zu langen Zeitraum eingenommen werden. Also: Lieber Hände weg von Medikamenten, die nicht ausdrücklich ärztlich verordnet sind. Wobei hierbei nicht unbedingt die einmalige Tablette gegen Kopfschmerz gemeint ist.

Und warum wir uns damit auseinandersetzen? Schmerzen sind nicht nur unangenehm, sie wirken auch negativ auf verschiedenste Körperfunktionen. Dazu gehören erhöhter Blutdruck und steigende Herzfrequenz bis hin zur Chronifizierung oder in extremen Fällen der Gefahr von schmerzbedingtem Herzinfarkt. Und durch erhöhten Blutdruck steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Nachblutungen nach Operationen. Die frühzeitige Linderung von Schmerzen hingegen kann nach Operationen die Heilungs- und Rehabilitationszeit positiv beeinflussen.

Da wäre also der erste Tipp, ärztliche Hilfe zu suchen, wenn irgendwo längere Zeit Schmerzen auftreten. Aber wie sieht das denn jetzt im Krankenhaus aus? Wo werden hier Medikamente gegen Schmerzen eingesetzt?

Giang Dinh Im Prinzip überall, wo Schmerzen auftreten. Das kann bei der ambulanten Therapie sein, wenn die Schmerzursache nicht unbedingt zu sofortigem operativen Handeln führen muss. Beim stationären Aufenthalt insbesondere nach Operationen, in der Krebsbehandlung oder auch in einer Phase des Lebens, in der keine Heilung mehr möglich ist und dann in der Palliativmedizin, wo durch mitunter hohe Medikamentendosierung für Linderung gesorgt wird und so noch ein gutes Leben möglich ist. Im Sana Krankenhaus Radevormwald haben wir auch Experten für diesen Bereich, aber keine eigene Abteilung. Wir verfügen jedoch über ein sehr gutes Netzwerk und können bei Bedarf die Überleitung in spezialisierte Zentren veranlassen.

Und wie sieht das bei Operationen aus? Das ist ja eines Ihrer Fachgebiete, zumindest wenn es um deren medizinischer Begleitung geht.

Giang Dinh Ja genau. Während der Operationen ist es eine Aufgabe der Anästhesie, dafür zu sorgen, dass keine Schmerzen auftreten. Je nach Schwere des Eingriffs machen wir das durch Vollnarkose oder eine lokale Betäubung. Meistens werden schon während der Operation begleitend Medikamente gegeben, die einen späteren Schmerz lindern. Wir sagen dann gerne, dass wir dem Schmerz voraus sind. Ganz schmerzfrei werden wir den Krankenhausaufenthalt – insbesondere bei größeren Operationen wie zum Beispiel Gelenkersatz – nicht gestalten können, aber wir können ihn doch stark minimieren.

Und das geht dann nach der Operation auch kontrolliert weiter?

Giang Dinh Auf jeden Fall! Schon früh in der Aufwachphase werden wir die Patientinnen und Patienten an ihre individuellen körperlichen Gegebenheiten angepasst mit Schmerzmitteln versorgen. Seit 2018 setzen wir sogenannte Schmerzpumpen ein, die PCA, was für ‚patient-controlled analgesia‘ steht. Dabei verfügen wir über zwei Varianten: Die eine wirkt über einen intravenösen Zugang auf die Schmerzrezeptoren des zentralen Nervensystems in Gehirn und Rückenmark, die andere betäubt über einen speziellen Schmerzkatheter die betroffene Körperregion. Mit beiden Pumpen können die Patientinnen und Patienten bei Bedarf selbst das jeweilige Schmerzmitteln nachdosieren. Es ist sofort verfügbar, die Betroffenen sind nicht ausschließlich auf fremde Hilfe angewiesen und bis dahin dem Schmerz ausgeliefert.

Ist das nicht gefährlich? Immerhin haben Sie vorhin noch gesagt, dass eine Überdosierung nicht so gut ist…

Giang Dinh Nein, das ist gar kein Problem. Wir können vorher eine maximale Dosierung festlegen und auch den Zeitraum, wie lange dann nicht nachdosiert werden kann. So ist dann quasi eine automatische Sperre eingebaut. Sollten Patientinnen oder Patienten mit dieser Dosierung nicht zurechtkommen, muss gegebenenfalls nochmal nachjustiert werden. Aber auch dann gilt zu klären, ob nicht eine andere Komplikation für zu starke Schmerzen verantwortlich sein könnte. Hier arbeiten wir dann interdisziplinär mit den unterschiedlichen chirurgischen Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Und wie gut klappt das bei älteren Menschen, die doch im Sana Krankenhaus Radevormwald einen großen Teil stationär behandelter Patienten und Patienten ausmacht?

Giang Dinh Auch in der älteren Generation haben wir mit den Schmerzpumpen sehr gute Erfahrungen gemacht. Es sind nur ganz wenige nicht selbstständig dazu in der Lage, einen Alarmknopf zu drücken – wer das kann, kann auch den Knopf der Schmerzpumpe betätigen. Und eine Überdosierung ist hier wie bereits erwähnt ausgeschlossen.

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