Ein Medikament – ein Beipackzettel. Bei der Auflistung von Nebenwirkungen gibt es nach Geschlechtern meist keine unterschiedliche Betrachtung, ebenso wenig bei der Dosierung. Mehr Aufmerksamkeit für die Gendermedizin

Professor Dr. Burkhard Sievers wurde kürzlich die Zusatzqualifikation Gendermedizin verliehen. (Foto: Anke Dörschlen)

Ein Medikament – ein Beipackzettel. Bei der Auflistung von Nebenwirkungen gibt es nach Geschlechtern meist keine unterschiedliche Betrachtung, ebenso wenig bei der Dosierung. Unterschieden wird gemeinhin nur nach Alter, außerdem finden Schwangere Berücksichtigung. Dabei weiß man heute, dass Frauen und Männer verschieden auf Medikamente reagieren, verschieden von Krankheiten betroffen sind und genauso unterschiedliche Symptome aufweisen. „Die Gendermedizin gerät zunehmend in den Fokus. Und das muss auch so sein“, sagt Professor Dr. Burkhard Sievers, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie, Nephrologie und Intensivmedizin am Sana-Klinikum Remscheid. Er ist Mitgleid der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.V. (DGesGM) und wurde gerade mit der Zusatzqualifikation Gendermediziner DGesGM® ausgezeichnet.

Dass das Thema Gendermedizin bisher noch keine ausreichende Beachtung gefunden habe, sei unverständlich, da doch mehr als die Hälfte der Bevölkerung Frauen seien, so Professor Sievers. Erstaunlich ist auch, dass selbst in der Wissenschaft das Thema vernachlässigt wurde und es bis heute nur wenige aussagekräftige Studien gibt, die geschlechtsspezifische Unterschiede im Fokus haben. „Der Frauenanteil in medizinischen Studien ist im Vergleich zu den männlichen Probanden geringer. Zudem fehlt häufig eine Unterscheidung, in welcher hormonellen Phase sich die teilnehmenden Frauen befinden“, erläutert der Kardiologe, der begrüßt, dass sich zunehmend ein Bewusstsein für diese Problematik entwickelt. „Man muss Studien danach planen“, ergänzt er. Dabei ist die Kardiologie recht führend, wenn es um die Gendermedizin geht. Woran liegt das? Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien in der Bevölkerung sehr verbreitet. „Wir erleben täglich in Klinik und Praxis, dass Frauen und Männer unabhängig von Risikofaktoren wie Diabetes, Übergewicht oder Bluthochdruck unterschiedliche Symptome haben.“

An einem Herzinfarkt sterben in Deutschland jährlich mehr als 20.000 Frauen. Viele Todesfälle ließen sich vermeiden, würden die Symptome des Herzinfarktes bei Frauen richtig erkannt. Bei einem Herzinfarkt haben Frauen häufig eher unspezifische Beschwerden wie Luftnot, Mattigkeit und Leistungsschwäche, auch Oberbauchbeschwerden. Auch wenn diese Krankheitszeichen mit anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden können, müsse man hellhörig werden, wenn sich Frauen mit derlei Befindlichkeitsstörungen in der Notaufnahme oder beim Hausarzt vorstellen. Genauso würden Herzrhythmusstörungen von Patientinnen oft anders wahrgenommen als von Männern. Eine gründliche Anamnese mit gezielter Frage nach individuellen Risikofaktoren und im Verdachtsfall auch weiterführende Untersuchungen wie ein Herzultraschall oder ggf. eine Herzkatheteruntersuchung müssten vorgenommen werden. „Eine Problematik dieses diffusen Beschwerdebildes ist, dass gerade Frauen mit ihrer mitunter Zwei- und Dreifachbelastung häufig nicht zügig einen Arzt aufsuchen, weil sie die Symptomatik eben nicht mit einer Herzerkrankung in Verbindung bringen. Da geht dann wertvolle Zeit verloren“, warnt Professor Sievers. Genauso würden – wie generell in der Bevölkerung – Präventionsuntersuchungen nicht in ausreichender Zahl wahrgenommen: „Wenn es einem nicht massiv schlecht geht, schiebt man den Arztbesuch schon mal hinaus.“

Auch sei bekannt, dass Frauen bei der Sekundärprävention häufig vernachlässigt und nicht so stringent behandelt werden wie Männer. Sekundärprävention beschreibt die Behandlung von Risikofaktoren und der Erkrankung selbst, um das nächste Ereignis zu verhindern. Genauso müsse man bei der Therapie geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen. Die Behandlung mit blutverdünnenden und blutdrucksenkenden Medikamenten zum Beispiel müsse generell maßgeschneidert sein. „Mehr und mehr geht es weg von dem Prinzip ´ein Medikament für alle` hin zu einer individualisierten Therapie“, so Professor Sievers.
Die Häufigkeit von bestimmten Herzerkrankungen und deren Verlauf ist zwischen Männern und Frauen oft recht unterschiedlich: „So wissen wir beispielsweise, dass Frauen nach einem ausgedehnten Herzinfarkt häufiger eine Herzschwäche entwickeln als Männer“, erläutert der Mediziner. Genauso seien Mikrozirkulationsstörungen – Verengungen und Veränderungen der kleinsten Blutgefäße am Herzen – und Verkrampfungen der Herzkranzgefäße (Koronarspasmen) beim weiblichen Geschlecht im Vergleich öfter zu beobachten. Auch das "Broken Heart Syndrom" ist bei Frauen deutlich häufiger. Extreme emotionale Belastungen, Schicksalsschläge und Stress können zu einer akut auftretenden Herzschwäche führen, die sich ähnlich äußert wie ein Herzinfarkt und ebenfalls mit Brustengegefühl, Luftnot, Leistungsschwäche und Herzrhythmusstörungen einhergeht. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie sind Frauen häufig starken Stresssituationen und zwischenmenschlichen Konflikten ausgesetzt dazu kommen häufig finanzielle Probleme oder Angsterlebnisse. Ein typischer Fall könnte Barbara K. sein, die ihren Alltag mit Homeoffice, 2 schulpflichtigen Kindern mit Homeschooling als alleinerziehende Mutter meistern musste. „Irgendwann konnte ich nicht mehr und fühlte mich nur noch schlapp und ausgebrannt, zudem hatte ich Luftnot und verspürte Rhythmusstörungen bei geringster Belastung. Schließlich wurde es so schlimm das sich in die Notaufnahme des Krankenhauses ging. Dort wurde ich mit Verdacht auf Herzinfarkt aufgenommen. Nach einigen Untersuchung stellte sich heraus, dass es Gott sei Dank kein Herzinfarkt war aber ein „gebrochenes Herz“. Mein Herz war schwach und ich hatte Rhythmusstörungen“. Durch starke seelisch Belastungen kommt es zu einem massiven Anstieg des Stresshormonspiegel im Blut. Dies bewirkt Verkrampfungen und Verengung der kleinsten Herzkranzgefäße. Von allen Betroffenen sind etwa 85 % Frauen. Bei den meisten, wie auch bei Barbara K. heilt die Krankheit folgenlos aus, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Sie kann aber auch zu tödlichen Komplikationen, schweren Herzrhythmusstörungen bis hin zu Herzversagen und bleibender Herzschwäche führen. Dabei sieht das Herz aus wie eine ovale japanische Tintenfischfalle. Barbara K. hat sich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus eine berufliche Auszeit nehmen müssen. Nachdem sie nun auch Hilfe von Freunden und Familie akzeptiert hat und nicht mehr meinte alles alleine und selbstständig schaffen zu müssen geht es ihr wieder gut.

Übrigens: Frauen mit COVID-19 erkranken häufiger als Männer an schweren Atemwegsinfektionen, die Sterblichkeit ist bei den Männern aber dennoch höher als bei den Frauen, so Professor Sievers. In einer kürzlich von Dr. Ute Seeland veröffentlichten Metaanalyse im BMC Medicine konnte gezeigt werden, dass Patientinnen mit SARS-CoV-2-Infektionen von der Behandlung mit Östrogen profitierten. So hatten Frauen vor der Menopause ein signifikant höheres Risiko an COVID-19 zu erkranken als Männer. In der peri- und postmenopausal Phase war dies umgekehrt: Patientinnen älter als 50 Jahre mit COVID-19 Infektion profitierten erheblich von einer Östrogentherapie, hier reduzierte sich der fatale Verlauf der Infektion um 50 Prozent.

Bezüglich der Gendermedizin ist man in den USA viel weiter. „Man weiß um die Unterschiede sehr viel länger als bei uns.“ Auch die deutschen und europäischen Empfehlungen müssten dahingehend angepasst werden, um eine geschlechtsspezifische Behandlung und somit optimale Therapie zu ermöglichen. Ebenso müssten bei der interdisziplinären Zusammenarbeit der verschiedenen medizinischen Fachrichtungen die Unterschiede in der Behandlung von Frauen und Männern noch mehr berücksichtigt werden. Einer weiteren sensiblen Betrachtung bedürfe das diverse Geschlecht. „Bezüglich dieser Gruppe gibt es heute noch wenig Erfahrung. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich auch diese Gruppe mit atypischen Beschwerden präsentiert und auch einer individuell angepassten Behandlung bedarf“, meint Professor Sievers.

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