Sana vor 15 Jahren

Medizin, die bewegt

Medizinisch gesehen richtet sich die Aufmerksamkeit im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zunehmend auf ein Krankheitsbild, das vorher eher ein Schattendasein fristete: auf die Knochen- und Gelenkerkrankungen. Dabei sind die Folgen dieser Leiden in mehrfacher Hinsicht gravierend: Orthopädische Erkrankungen verursachen in westlichen Ländern 20 Prozent der direkten und 30 bis 40 Prozent der indirekten Gesundheitskosten - ein absoluter Spitzenplatz. Erkrankungen und Verletzungen des Haltungs- und Bewegungsapparats sind die häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen und der häufigste Grund für einen Arztbesuch. Diese Krankheiten sind auch ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor: 40 Prozent aller Arbeitsunfähigkeiten und 40 Prozent aller Frühberentungen sind dadurch bedingt.

Nicht zu Unrecht erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Dekade zwischen 2000 und 2010 zum « Jahrzehnt der Knochen und Gelenke ». Ziel ist, die Situation der Patienten durch neue und besser abgestimmte Konzepte der Prävention, Behandlung und Nachsorge deutlich zu verbessern. Die deutsche Sektion dieser Initiative wird von den Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm koordiniert und ist damit eng mit Sana verbunden.

WHO-Aktion
Mehr Aufmerksamkeit für orthopädische Erkrankungen.

© dpa/picture alliance

« Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems sind wesentlich komplexer als vielfach vermutet », erklärt Prof. Dr. Heiko Reichel, Ärztlicher Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik der RKU. « Sie haben vielschichtige Ursachen und Auswirkungen, die sich erst mit dem ganzheitlichen Blick auf den Patienten richtig verstehen und therapieren lassen. »

Das RKU bietet Patienten aller Altersgruppen Betreuung und Therapie über die gesamte Behandlungskette hinweg. Nach der Diagnose werden die Patienten in der Hochschulambulanz zunächst nicht-operativ therapiert. Erst wenn dieser Weg nicht erfolgreich war, folgt die stationäre operative Behandlung. Danach geht der Patient in die stationäre Rehabilitation und zur Nachbehandlung wieder in die Hochschulambulanz. Zur Wiedereingliederung ins Berufsleben kann der Patient sogar eine berufliche Rehabilitation in Anspruch nehmen, bis hin zur Ausbildung für behinderte junge Menschen. Eine solche integrierte Versorgung unter einem Dach gibt es in kaum einer anderen deutschen Klinik.

Dieser Ansatz zeigt auch, dass die gängige Meinung, der Operationstisch spiele in der modernen Orthopädie die Hauptrolle, ein Irrtum ist.

KNOCHENARBEIT VON WELTRANG

Doch auch die Endoprothetik macht in den 2000er Jahren große Fortschritte. Ein wahrer Quantensprung etwa ist die minimalinvasive Operation am Hüftgelenk, bei der die gesamte Muskulatur intakt bleibt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Eingriffen, die mit hohem Blutverlust und langen Krankenhausaufenthalten verbunden sind, ist das neue Verfahren für die Patienten schonend, da der Zugang zum Hüftgelenk über einen maximal zehn Zentimeter langen Schnitt erfolgt und nur leichte Blutungen verursacht. Nach knapp einer Woche können die Patienten zumeist schmerzfrei entlassen werden. Entwickelt wird das Verfahren 2003 von einem Belegarzt der Sana-Klinik München-Sendling - eine Innovation, die auf großes Interesse stößt. Ärzte aus aller Welt kommen nach Sendling, um dem Operateur über die Schulter zu schauen.

Weltweite Aufmerksamkeit erregt 2009 auch eine neuartige Prothese für beinamputierte Patienten. Erfinder der sogenannten Endo-Exo-Prothese ist Dr. Horst Aschoff, Chefarzt an den Sana Kliniken Lübeck. Gemeinsam mit einer Lübecker Orthopädiefirma hat er ein Verfahren entwickelt, das Beinamputierten mehr Bewegungsfreiheit und Lebensqualität verspricht. Statt der üblichen Schaftprothese, die am Beinstumpf anliegt, wird die Endo-Exo-Femurprothese, ähnlich wie ein Zahnimplantat, direkt mit dem Oberschenkelknochen verbunden. Nach einigen Wochen ist die dreidimensional strukturierte Titanoberfläche fest mit dem Knochengewebe verwachsen. 
Die direkte Verbindung zwischen Knochen und Implantat erleichtert nicht nur das Gehen, Stehen und Sitzen mit dem Kunstbein, sondern macht bislang Unmögliches möglich: Der Prothesenträger spürt förmlich wieder den Boden unter den Füßen und läuft sicherer und harmonischer.

SPEZIALISIERT UND VERNETZT

Ein weiteres einzigartiges Therapieangebot auf dem Gebiet der Orthopädie bieten die Sana Kliniken Sommerfeld. Dort ist das Institut für Musikermedizin Berlin-Brandenburg angesiedelt, das sich als einziges seiner Art auf Störungen des Bewegungsapparats von Musikern konzentriert und an ein Akutkrankenhaus angeschlossen ist.

Bei Berufsmusikern gehört der Schmerz förmlich zum Alltag: Über 80 Prozent klagen über körperliche Beschwerden wie chronische Schmerzen, und jeder Achte beendet sein Berufsleben aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig. Die Therapie in Sommerfeld kombiniert verschiedene Behandlungsmethoden: Entspannungs- und Körperwahrnehmungstechniken helfen den Patienten bei der Stress- und Schmerzbewältigung, Verspannungen oder Fehlbelastungen lösen sich mithilfe der Manuellen Medizin. Selbst psychosoziale Faktoren werden in der Therapie berücksichtigt.

Solche ganzheitlichen und interdisziplinären Behandlungsansätze prägen die moderne Orthopädie der 2000er Jahre - eine Dekade der Vernetzung von Expertenwissen, die auch in anderen medizinischen Fachdisziplinen neue Akzente setzt. Die Neurologie etwa ist kaum mehr vorstellbar ohne die enge Zusammenarbeit mit der Neuroradiologie, der Neurochirurgie und der neurologischen Frührehabilitation. Weil neurologische Erkrankungen den ganzen Körper betreffen können, reicht die Arbeit im Team oft auch weit über die Grenzen der eigenen Fachdisziplin hinaus.

Die Neurologie ist nach der Orthopädie und den Herz-Kreislauf-Erkrankungen der dritte Kompetenzschwerpunkt, den Sana ab 2007 ausbaut. Diese stärkere Konzentration auf medizinische Fachdisziplinen ist bis heute ein wichtiger Schritt der Zukunftssicherung. « Wenn es nicht gerade Geld regnet, wird sich die Krankenhauslandschaft verändern müssen », so Dr. Michael Philippi. « Größere Krankenhäuser in Ballungsgebieten müssen sich im Wettbewerb um die Patienten spezialisieren und konzentrieren. Kleinere Kreiskrankenhäuser im ländlichen Umfeld werden zu Versorgungszentren für die Erstversorgung und sind eng vernetzt mit ambulanten und pflegerischen Angeboten. »

Dass an diesem Wandel kein Weg vorbeiführt, wird gegen Ende der 2000er Jahre überdeutlich: kein Geldregen, nirgends.

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