Sana Klinikum Borna

Mit der Spielekonsole Parkinson behandeln

40 Prozent der Parkinson-Patienten suchen nach alternativen Heilmethoden. Tatsächlich können Akupunktur und Entspannungsverfahren Begleitsymptome der Erkrankung wie   Erschöpfung oder Depression lindern. Im Sana Klinikum Borna gehen Ärzte und Therapeuten neue Wege – und nutzen eine Spielekonsole als Behandlungselement.

Schon bei Friedrich Schiller heißt es: „Er (der Mensch) ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Diesem Gedanken folgend ergründen die Ärzte und Therapeuten der Klinik für Neurologie das therapeutische Potenzial von Spielkonsolen in der Behandlung von Patienten mit einer Parkinsonerkrankung. Die Spiele sind ein Therapieelement in einer Komplexbehandlung bestehend aus der medikamentösen Therapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und der psychologischen Betreuung. Die Komplexbehandlung zielt auf eine Verbesserung der Bewegungs- und Sprachfähigkeit, so dass die Patienten so lange wie möglich ein weitgehend selbstständiges Leben führen können. Um das zu erreichten, bekommt jeder Patient in Borna ein Therapieprogramm mit genau den Maßnahmen, die ihm am besten helfen. Zusammengestellt und angepasst wird das Programm in regelmäßigen Teamsitzungen, an denen, neben den Therapeuten, der behandelnde Arzt und eine Pflegekraft teilnehmen. Darüber hinaus können Patienten auch nach Abschluss der stationären Behandlung unter sport- oder physiotherapeutischer Anleitung in der neurologischen Rehasportgruppe der Klinik weiter trainieren.

Einer der Patienten, die an der Spielekonsole üben, ist  Dr. Peter Arnold. Die Diagnose Parkinson wurde bei ihm vor drei Jahren gestellt. Seit Abschluss der stationären Behandlung besucht er die neurologische Rehasportgruppe der Klinik.  Für die heutige Einheit steht das Training der Balance und der Koordination im Mittelpunkt. Der 77-Jährige und die Physiotherapeutin Elke Halfter sind mitten in den Vorbereitungen. Über einen Beamer wird die Spielgrafik an die Wand projiziert. Herr Arnold steht auf einem weißen, circa fünf Zentimeter hohen Balance-Board, das ein wenig an eine Personenwaage erinnert. Die Knie sind leicht gebeugt und sein Blick fokussiert die Bewegung einer Kugel. Über das feine Verlagern des Körpergewichtes  auf den Füßen übt der Patient schon mal, wie sich die Kugel steuern lässt.

Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie, ist Spezialist für die Diagnose und Behandlung von Parkinson.
Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie, ist Spezialist für die Diagnose und Behandlung von Parkinson.

Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie, ist Spezialist für die Diagnose und Behandlung von Parkinson.

Was ist Parkinson?

Parkinson ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems im höheren Alter. Die augenfälligsten Zeichen der Erkrankung sind Störungen der Motorik: Die Betroffenen bewegen sich langsam und kleinschrittig, ihre Körperhaltung ist unsicher, sie spüren eine Steifheit in der Muskulatur, im Ruhezustand zittern die Hände. Typisch ist zudem eine vorn übergebeugte Haltung. Ausgelöst werden die Beschwerden durch ein Absterben von Nervenzellen, die einen Botenstoff – das Dopamin – produzieren. Das fehlende Dopamin bringt das Zusammenspiel der Botenstoffe durcheinander, das für die koordinierte Ansteuerung der Muskulatur und flüssige Bewegungen verantwortlich ist. Was genau dazu führt, dass die Nervenzellen absterben, ist bislang ungeklärt. In Deutschland sind etwa 220.000 bis 400.000 Menschen von der Erkrankung betroffen. „Die große Spannbreite der Zahlen ist dadurch zu erklären, dass die Krankheitszeichen häufig fehlinterpretiert werden“, erklärt Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie. „Es gibt viele Erkrankungen, die zwar aussehen wie eine Parkinsonerkrankung, aber keine sind. Umso wichtiger ist es, das die Patienten von einem erfahrenen und auf das Krankheitsbild spezialisierten Arzt diagnostiziert und weiter betreut werden.“

In ähnlicher Weise hat es auch Herr Arnold erlebt. „Die ersten Veränderungen bemerkte ich schon vor vier oder fünf Jahren“, erzählt er. „Das war beim Hundesport. Vor mir lief ein anderer Mann mit seinem Hund. Und ich habe mich gewundert, warum er so kräftig ausschreitet und ich solche kleinen Schritte machen muss.“ Arnold maß dem zunächst keine Bedeutung bei. Erst  eine Achillessehnenverletzung brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Die behandelnde orthopädische Chirurgin am Klinikum bemerkte das auffällige Gangbild des Patienten. Zudem litt Arnold unter Schmerzen in der Schulter. Daraufhin bat die Ärztin die Kollegen aus der Klinik für Neurologie um eine neurologische Diagnostik. „Eine absolut richtige Entscheidung“, sagt Dr. Reinshagen. „Eine Parkinsonerkrankung kann mit Schmerzen in der Schulter beginnen. Spätestens, wenn ein Patient das so typische verlangsamte Gangbild und die vorn über gebeugte Haltung zeigt, sollten Ärzte eine Parkinsonerkrankung in Betracht ziehen.“

Physiotherapeutin Elke Halfter erklärt, wie man auf dem Balance Bord den Gleichgewichtssinn trainieren kann.
Physiotherapeutin Elke Halfter erklärt, wie man auf dem Balance Bord den Gleichgewichtssinn trainieren kann.

Physiotherapeutin Elke Halfter erklärt, wie man auf dem Balance Bord den Gleichgewichtssinn trainieren kann.

Bewegung in den Alltag integrieren – mit einer Spielekonsole

Für viele Betroffene ist die Diagnose Parkinson zunächst ein Schlag. „Es stimmt natürlich, dass die Erkrankung bislang nicht heilbar ist“, sagt Dr. Reinshagen. „Aber sie ist heutzutage gut behandelbar. Das Wichtigste ist die Bewegung.“ In diesem Sinne geht es den Therapeuten in Borna immer auch darum, Angebote zu machen, wie der Patient Bewegung in seinen Alltag einbauen kann – etwa durch eine Spielkonsole. „Versuchen Sie durch Verlagerung Ihrer Körperschwerpunktes die Kugeln so zu bewegen, dass sie durch das Loch fallen“, sagt Elke Halfter zu ihrem Patienten. „Ich drücke auf Start und dann geht‘s los.“ Die Physiotherapeutin betont die Bedeutung des Gleichgewichtstrainings: „Menschen mit einer Parkinsonerkrankung haben eine verringerte Haltungskontrolle und sie neigen durch ihre Kurzschrittigkeit dazu, das Gleichgewicht zu verlieren.“ Mit kleinen, von außen fast nicht sichtbaren Bewegungen steuert Arnold die Kugeln auf der Platte, bis  sie in das Loch fallen. Automatisch wird er zum nächsten Level geführt. Von Level zu Level steigt die Anzahl der Kugeln und die Formen, auf denen er die Kugeln balancieren muss, werden schwieriger. Das Ziel des Spiels ist es, in einer vorgegebenen Zeit so viele Level wie möglich zu absolvieren. Dass ein Training an der Spielkonsole einen handfesten therapeutischen Nutzen bringt, das belegen mittlerweile auch Studien. Je nach Programm lassen sich durch regelmäßiges Spielen die Balance verbessern, Schrittlänge und Gehgeschwindigkeit vergrößern und auch kognitive Fähigkeiten stärken. Bereits ein genauerer Blick auf das Kugelspiel von Herrn Arnold zeigt, warum das so ist.  Über das Navigieren der Kugeln werden neben Koordination und Gleichgewicht auch geistige Fähigkeiten angesprochen wie zum Beispiel Raumvorstellung, zielgerichtete Bewegungsplanung und geteilte Aufmerksamkeit.

Motorik und Kognition spielerisch trainieren

Eine Kombination, die im täglichen Leben von größter Bedeutung ist. „Im Alltag brauchen wir auch Motorik und Kognition. Im Straßenverkehr zum Beispiel muss ich nicht nur meine Bewegungen steuern. Ich muss auf den Autoverkehr und die anderen Fußgänger achten, darf die rote Ampel nicht übersehen, vielleicht werde ich von jemanden angesprochen und muss reagieren“, erklärt Elke Halfter. Der funktionale Aspekt ist aber nicht das Einzige, was für die Konsole spricht. Eine ganz wesentliche therapeutische Kraft entwickelt sie über das, was sie im Eigentlichen ist: ein Spiel. „Das weckt ja  den Ehrgeiz. Man hat dann den Anspruch, das nächste Level zu knacken.“  sagt Arnold und ist damit wieder ganz nah bei Friedrich Schiller. Denn dem berühmten Dichter und Dramatiker zufolge muss „der ernsteste Stoff (…)  so behandelt werden, dass wir die Fähigkeit behalten, ihn unmittelbar mit dem leichtesten Spiel zu vertauschen."