PATHOLOGIE SANA KLINIKUM LICHTENBERG

Meister der Schnitte

Pathologen? Das sind doch die kauzigen Typen aus den Krimis, die Mordopfer obduzieren, um die Todesursache abzuklären. Eine weitverbreitete Meinung — und zugleich ein großer Irrtum.

Pathologie

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Bilder: © Bernhard Kahrmann, © Sana Kliniken AG

Sana Klinikum Lichtenberg, Haus C, Institut für Pathologie. Als das Gebäude vor 100 Jahren seinen Betrieb im Berliner Osten aufnahm, beherbergte es einen über drei Etagen stufenförmig ansteigenden, weiträumigen Sektionssaal und einige winzige Laborräume, erzählt Chefarzt Prof. Dr. Gerald Niedobitek. « Heute sind die Verhältnisse genau umgekehrt. Sektionen machen kaum noch fünf Prozent unserer Arbeit aus, der Löwenanteil ist Diagnostik für den lebenden Patienten. »

Entfernt der Arzt zum Beispiel einen Leberfleck, untersucht der Pathologe, ob ein bösartiger Tumor hinter der Hautveränderung steckt. Die Gewebeprobe aus einer Magenspiegelung etwa verrät, ob der Patient ein gutartiges Magengeschwür hat, das mit Tabletten behandelt werden kann, oder ob der Magentumor zur Heilung entfernt werden muss. Bösartig oder nicht — nahezu alle Tumordiagnosen kommen vom Pathologen. Und mehr noch: Er kann unterm Mikroskop nicht nur erkennen, an welcher Art von Krebs der Patient erkrankt ist, sondern auch, ob der Tumor eher langsam oder aggressiv wächst, wie hoch die Wahrscheinlichkeit von Metastasen ist und welche Therapie sich am besten eignet.

« Krebs ist nicht gleich Krebs, sondern eine große Familie von Erkrankungen mit ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen und immer öfter auch mit berechtigter Hoffnung auf Heilung », erklärt Niedobitek.

Wie erfolgreich eine Krebsbehandlung ist, hängt schon davon ab, ob der Chirurg den Tumor wirklich vollständig entfernt hat. Mit bloßem Auge ist das nicht erkennbar, deshalb erhält der Pathologe noch während der Operation Proben von den Rändern des Operationspräparats zur mikroskopischen Untersuchung. Nach kaum einer viertel Stunde bekommt der Chirurg im OP die entscheidende Rückmeldung aus der Pathologie und wird das Krebsgewebe gegebenenfalls noch weiträumiger entfernen.

Solche sogenannten Schnellschnitte erfüllen zwar ihren Zweck, doch für die genaueren Krebsdiagnosen sind spezielle Präparate nötig. Dazu wird das Gewebe entwässert, in Paraffinwachs getränkt und mit Schneidegeräten in weniger als fünf tausendstel Millimeter dünne Scheibchen zerlegt, die auf Glasplättchen aufgezogen und eingefärbt werden.

Auf den Laien wirken diese bunten Gewebeproben wie abstrakte Kunst, für den Profi hingegen sprechen sie Bände. Zum Beispiel erkennt der Pathologe unter dem Mikroskop, ob die Zellen der Gewebeprobe einer Brustkrebspatientin an der Oberfl äche Andockstellen für einen bestimmten Antikörper haben. Wenn ja, kann das Wachstum des Tumors mit genau diesem Antikörper blockiert werden. Dank dieser sogenannten immunhistologischen Diagnostik sind sehr zielgerichtete Behandlungen möglich geworden. Ob eine Therapie Erfolg versprechend ist oder nicht, kann der Pathologe auch an Erbgutinformationen der Gewebeprobe ablesen. Bei Lungentumoren etwa verrät die molekulare Analyse, ob im Gewebe bestimmte Genmutationen nachweisbar sind, die bedingen, dass die Patienten auf ein spezielles Medikament ansprechen. Niedobitek ist überzeugt, dass diese Formen der personalisierten Medizin in der Krebstherapie immer wichtiger werden. « Bis vor Kurzem wurde die Chemotherapie bei Krebspatienten eher pauschal eingesetzt, heute lässt sich die Behandlung vieler Krebsleiden viel individueller steuern. »

Weil der Pathologe eine Schlüsselrolle bei der Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle von Krebserkrankungen spielt, hat er auch einen festen Platz im Team der Tumorkonferenzen. Bei diesen regelmäßigen Treffen diskutieren die beteiligten Fachärzte jeden ihrer Patienten unter verschiedenen Aspekten und suchen gemeinsam nach dem besten Behandlungsansatz.