SEELSORGERIN SANA KLINIKEN DUISBURG

Das ganze Leben eben

Jeden Tag begegnen Annette Räcker Menschen mit unterschiedlichsten Problemen und Freuden. Nichts ist ihr fremd. Genau das aber kommt Patienten und Krankenhaus zugute.

Annette Räcker
Seelsorgerin 
Sana Kliniken Duisburg

© Bernhard Kahrmann

Bereits mit 17 merkte Annette Räcker, was sie beruflich einmal machen will. Unter anderem Sterbende begleiten, « damit sie möglichst zufrieden an diesem Punkt ankommen und loslassen können ». Zunächst schließt sie in Essen eine sechssemestrige Ausbildung zur Gemeindereferentin ab. Nach weiteren Assistenzjahren kommt sie schließlich nach Gelsenkirchen, mitten im Ruhrpott. Dort wird sie die nächsten 30 Jahre verbringen, « obwohl ich mir das damals überhaupt nicht vorstellen konnte ». Ein Kind des Ruhrgebiets. Anfänglich noch überwiegend in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, wechselt sie im Laufe der Zeit in die höheren Alterssemester. Und sie spürt zunehmend in der Gemeindearbeit, dass ihr die Gespräche mit Kranken und Menschen in anderen Krisensituationen wichtiger werden. Am Ende ist sie bereits zur Hälfte in der Klinikseelsorge tätig, für die sie noch einmal eine Zusatzausbildung in Angriff nimmt.

CHRISTLICH UND PERSÖNLICH

Heute arbeitet Annette Räcker in den Sana Kliniken Duisburg. Genau in dem Stadtteil, in dem ihr Vater aufgewachsen ist. Hier steht ausschließlich der Dialog mit Kranken im Mittelpunkt. Die Menschen im Pott seien geraderaus und bodenständig. « Es tut ihnen oft gut, einen verlässlichen Ansprechpartner zu haben », sagt die gebürtige Mülheimerin. Bezahlt wird die Stelle vom katholischen Bistum. « Obwohl ich mich einerseits gut eingebunden fühle in die Mitarbeiterschaft des Klinikums », ergänzt sie. Andererseits sei dadurch die christliche Basis ihrer Arbeit gewahrt, was bei anderen Trägern nicht immer so der Fall sei.

Einen typischen Arbeitsalltag kennt die Seelsorgerin nicht. Grundsätzlich beginnt sie erst am Mittag. Nicht weil sie faul ist, sondern der Vormittag gehöre der Medizin, den Visiten und der funktionalen Logik des Krankenhauses. Vom Chefarzt bis zur Reinigungskraft. Persönliche Gespräche hätten da wenig Platz, für die sie dann gerne bis in den Abend hinein bleibt. « So kann ich mich wirklich auf das einstellen, was gerade ansteht », sagt sie. Einen Terminkalender für Gespräche führe sie nicht, denn sie möchte flexibel für neue Begegnungen bleiben. Oft stünde sie mit klopfendem Herzen vor der Tür, nicht wissend, wer und was dann auf sie zukomme.

FLEXIBEL UND MOBIL

Vielfältig wie ihre Arbeitszeit sind auch die Patienten. « Von Menschen, die das Bedürfnis nach den Sakramenten haben und nicht an den regelmäßigen Gottesdiensten teilnehmen können, bis hin zu Patienten, die ihre Gedanken und Gefühle mit jemandem teilen wollen. » Dazu gehören auch private Dinge wie Wohnungswechsel oder berufliche Veränderungen. Das ganze Leben eben. Eines aber ist für sie unumstößlich: Sie gibt grundsätzlich keine Ratschläge, sondern erörtert mit dem Patienten die verschiedenen Perspektiven zu einem Thema. Von glücklichen Schwangerschaften bis hin zu schwierigen Sterbeprozessen. « Und das bisweilen alles an einem Tag », fügt sie hinzu. Da komme es schon mal vor, dass sie noch einen Tag wartet, bevor sie mit einem Patienten in die Tiefe gehe. Hinderlich sei manchmal, sagt Räcker, dass die Verweildauer der Patienten kürzer geworden sei. Da fehle dann die Zeit, die Gespräche im Krankenhaus fortzusetzen. Gefragt sind Flexibilität und Mobilität.

OFFEN UND ACHTSAM

Gleichwohl hat sie viele Freiheiten. « Ich muss nichts dokumentieren oder mich refinanzieren, ich kann mich jedem Einzelnen zuwenden », sagt Räcker. « Deshalb empfinde ich es oft mehr als Geschenk als als Job. » Wünschen würde sie sich derzeit etwas mehr Offenheit und Achtsamkeit, den Blick aufeinander zu haben und wahrzunehmen, was man voneinander hat. Sie sei auch davon abhängig, dass ihr sensible Fälle von Pflegern, Angehörigen und Ärzten mitgeteilt werden. « Achtsam schauen, was der Einzelne braucht, wenn er in der Krise ist, Gottes Sorge und Liebe jedem Menschen gegenüber so gut wie möglich im Alltag spürbar machen. »

Ein Motto nicht nur für die Seelsorge, sondern für jeden im Krankenhaus.