Medizinische SchwerpunkteDie inverse Schulterprothese

…wenn eine normale Prothese nicht hilft

Auch wenn man mit verschiedenen Maßnahmen vorbeugen kann: mit zunehmendem Lebensalter entwickeln viele Menschen eine Arthrose in der Schulter. Mediziner sprechen dabei von einer Omarthrose. Heilen lässt sich die Arthrose nicht. Wenn konservative Behandlungen über einen längeren Zeitraum keine Linderung bringen und die Beweglichkeit mit Schmerzen verbunden und deutlich eingeschränkt ist, ist eine operative Behandlung sinnvoll. Je nach Zustand der Rotatorenmanschette kommen unterschiedliche Prothesenmodelle zum Einsatz. Eine davon ist die inverse Schulterprothese.

Was versteht man unter inverser Schulterprothese?

Eine inverse Schulterprothese ist ein künstlicher Gelenkersatz, der für Situationen geeignet ist, welche man mit normalen Schulterprothesen nicht mehr versorgen kann. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn neben dem Verschleiß im Schultergelenk auch noch ein Sehnendefekt vorliegt. Das Wörtchen „invers“ bedeutet „umgekehrt“, d.h. diese Schulterprothesen sind umgekehrt konstruiert, so dass die künstliche Kugel auf der Schulterpfanne sitzt. Bei der normalen Prothese sitzt die künstliche Kugel auf dem Schaft. Auf dem Schaft der inversen Schulterprothese sitzt die künstliche Pfanne. Mediziner sprechen auch von einer Deltaprothese oder Grammontprothese. Alle drei Bezeichnungen meinen aber das Gleiche.

Was ist das Besondere an der inversen Prothese?

Durch den Trick – die Positionen von Pfanne und Kopf zu vertauschen – wird das Drehzentrum sowohl in die Richtung der Körpermitte als auch nach unten hin verschoben. Dies hat zur Folge, dass die Schulter durch die Muskelkraft des Deltamuskels besser bewegt werden kann, ohne dass die Rotatorenmanschette funktionieren muss.

Welche Schmerzen haben Patienten, bei denen eine inverse Prothese indiziert wird?

Patienten, denen wir zu einer Versorgung mit einer inversen Prothese raten, klagen in unserer Schulter-Sprechstunde über Alltagsschmerzen, die den gewohnten Ablauf einschränken. Ein deutliches Warnsignal ist der Nachtschmerz. „Immer wenn die Nachtruhe aufgrund von Schulterschmerzen gestört ist und man sich nicht mehr so legen kann, wie man möchte, sollte man einen Orthopäden aufsuchen“, rät Dr. Lars Eden. „Ferner stellen wir fest, dass aufgrund der Schmerzen eine Bewegungseinschränkung vorliegt und der Arm seitlich nur noch bis maximal zur Horizontalen angehoben werden kann.“

Wie sieht die Diagnostik aus?

Zu Beginn werden andere Ursachen, die für den Schmerz verantwortlich sein könnten, ausgeschlossen. Unabdingbar dafür ist die klinische Untersuchung mit einer Reihe von Funktionstests. Hier wird das Ausmaß der Bewegungseinschränkung festgestellt und der Funktionsverlust der Rotatorenmanschette definiert. Bildgebende Verfahren wie Röntgen und MRT komplettieren die Diagnostik. Bei speziellen Fragestellungen wird auch eine Computertomographie gemacht.

Wie läuft die minimalinvasive Operation ab?

Die Implantation der inversen Schulterprothese wird in sitzender Position durchgeführt. Je nach individuellem Fall wählen Prof. Dr. Stangl und Dr. Lars Eden einen Hautschnitt seitlich oder vorne an der Schulter. Bei der minimalinvasiven, seitlichen Operation sind die Hautschnitte so klein wie möglich, um die Prothese zu implantieren. In der Regel werden hier nur 8 bis 10 cm benötigt. Der obere Anteil des Oberarmkopfes wird gekürzt und danach die Gelenkpfanne so vorbereitet, damit die Metallkomponente im Knochen verankert werden kann. Auf diese kommt dann der kugelige Anteil der Prothese. Im Anschluss wird der Oberarmschaft fertig angepasst und der Prothesenschaft eingebracht. Die Fixierung erfolgt entweder zementiert oder zementfrei. Auf dem Prothesenschaft wird anschließend der neue Pfannenteil befestigt. Noch im Operationssaal wird der Patient mit einer Armschlinge versorgt, welche sechs Wochen lang getragen werden muss. Über eine Drainage, also einen eingelegten Wundschlauch, kann Wundwasser ablaufen. Der Schlauch wird ein bis zwei Tage nach der Operation bereits entfernt, so dass die Nachbehandlung starten kann.

Wie lange dauert der Krankenhausaufenthalt?

In der Regel sind Patienten, die mit einer inversen Schulterprothese in unserer Schulterklinik versorgt werden, vier bis acht Tage im Krankenhaus Rummelsberg. In dieser Zeit wird die Schmerztherapie durchgeführt, erste physiotherapeutische Maßnahmen begonnen, sowie Verbandwechsel und Wundkontrollen durchgeführt.

Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Die Rehabilitation hängt unter anderem auch von der Ausgangssituation ab. Das heißt: Je früher ein Patient kommt und umso besser die Beweglichkeit vor der Operation ist, desto besser kann man beim Einsetzen der Prothese auch die Muskeln und Sehnen schonen.

Sie hängt aber auch vom Zugang ab. Beim vorderen Zugang wird im Rahmen der Operation die vordere Rotatorenmanschette abgetrennt und im Verlauf der Operation wieder angenäht. Dadurch sollte zunächst eine Außenrotation über 20° und aktive Innenrotation vermieden werden. Der seitliche Zugang erlaubt ein etwas weniger einschränkendes Behandlungsregime.

Die vier Phasen der Nachbehandlung nach Implantation einer inversen Schulterprothese

Wir unterscheiden vier Phasen der Nachbehandlung nach Implantation einer inversen Schulterprothese. Hierzu verweisen wir auch auf unser Nachbehandlungsschemata.

Phase 1: Passive Schultergelenksmobilisation (bis zu 6 Wochen nach der Operation)

In den ersten sechs Wochen nach der Implantation findet eine Ruhigstellung in der Schulterorthese statt. Es gibt erlaubte Bewegungsumfänge, die schmerzfrei aktiv assistiert durchgeführt werden können: 90° Armbeugung sowie Abspreizen und maximal 20° Außendrehung des Arms. Als unterstützende Maßnahmen dienen Eisbehandlungen, Lymphdrainagen oder Wärmeanwendungen. Zudem findet eine begleitende passive Mobilisation mittels einer CPM-Schiene statt.

Phase 2: Beginn der aktiven Gelenkbeweglichkeit (6. bis 12. Woche nach der Operation)

Die Schulterorthese kann nun abgelegt werden. In der zweiten Phase steht der Beginn der aktiven Bewegung und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit im Vordergrund.

Phase 3: 13. bis 26. Woche

In dieser Phase stehen stabilisierende Übungen unter Belastung und Muskelaufbautraining im Vordergrund.

Phase 4: ab der 26.Woche

Schulterentlastende Sportarten ohne große Kraftbelastung (max. 5 kg) sind nun wieder erlaubt.