Bildungsanspruch stoppt nicht an der Kliniktür
Schule für Kranke am Krankenhaus Rummelsberg in Klinikschule umbenannt – Schule feiert 20-jähriges Bestehen
Die Schule für Kranke feiert in diesem Jahr das 20-jährige Bestehen und verabschiedet sich von ihrem bisherigen Namen. Die „Schule für Kranke“ ist damit Geschichte. Künftig firmiert die Institution als „Private Klinikschule Rummelsberg“, so der Wortlaut im Bescheid der Regierung von Mittelfranken. „Längst überfällig ist diese Namensänderung“, so Schulleiterin Christiane Dieckmann, die sich über den Schritt freut.
„Klinikschule beschreibt sehr viel besser, wo und unter welchen Bedingungen wir arbeiten. Der veraltete Begriff des Kranken, der weder im klinischen noch im therapeutischen oder pädagogischen Arbeitsfeld benutzt wird, fällt damit endlich weg“, so Christiane Dieckmann, die seit zehn Jahren die Schulleitung am Krankenhaus Rummelsberg innehat. Bereits in ihrem ersten Jahr an der Klinik unternahm sie einen Vorstoß zur Namensänderung, der damals noch scheiterte. „Die bisherige Bezeichnung stellte ein Defizit in den Vordergrund. Der Begriff der Kranken reduziert Menschen sprachlich auf ihre Erkrankung – ähnlich wie bei der Bezeichnung Behinderte. So etwas verstellt den Blick auf die Person, auf das Kind oder den Jugendlichen.“ Ihr Credo ist es, sensibel damit umzugehen, wie Menschen bezeichnet werden, da Sprache immer auch Bilder in den Köpfen erzeuge und Bewertungen transportiere.
Mit Unterstützter Kommunikation am Lernen und Leben teilhaben
Jährlich 300 Kinder und Jugendliche besuchen die Klinikschule am Krankenhaus Rummelsberg während des Klinikaufenthalts. Dieckmann ist mit ihren drei Kolleginnen mit ganz unterschiedlichen schulischen Voraussetzungen und persönlichen Situationen konfrontiert. „Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit und benötigt individuelle Unterstützung“, weiß die Schulleiterin. Während manche Kinder nur kurze Zeit in der Klinikschule verbringen, bleiben andere Kinder länger oder werden im Laufe der Behandlung öfter vorstellig. Gerade bei größeren Eingriffen seien die Schülerinnen und Schüler bis zu sechs Monate körperlich nicht in der Lage, ihre Stammschule zu besuchen. Bei Einschränkungen im Bereich des Sprechens und der Kommunikation wird seit einigen Jahren auf Unterstützte Kommunikation gesetzt. Dazu gehören Symbole, verschiedene Kommunikations- und Ansteuerungshilfen oder ein sogenannter Talker, der mit den Augen gesteuert wird. „Dass ein Gerät vorhanden ist, reicht allerdings nicht aus. Wir müssen wissen, wie ein Kind kommuniziert, seine Signale wahrnehmen und ihm auch genügend Zeit zum Antworten geben“, betont Dieckmann. Gerade in ungewohnter Umgebung, bei Schmerzen oder Anspannung könne das schwierig sein. Deshalb ist den Lehrkräften die Zusammenarbeit mit Eltern und Bezugspersonen sehr wichtig. „Mit der Unterstützten Kommunikation ermöglichen wir es den Kindern, Fragen zu stellen, ihr Wissen zu zeigen, mitzuentscheiden und am Lernen und Leben teilzuhaben.“
Tägliche Herausforderungen und Besonderheiten
Zu den täglichen Herausforderungen gehört der Umstand, dass die Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schularten und Jahrgangsstufen stammen. Gleichzeitig müssen die Lehrer auf Schmerzen, Erschöpfung, eingeschränkte Beweglichkeit und Belastbarkeit Rücksicht nehmen. Untersuchungen, Therapien und medizinische Maßnahmen bestimmen den Tagesablauf mit. „Ein Unterricht lässt sich deshalb nur begrenzt vorausplanen“, weiß Dieckmann. „Was gestern möglich war, kann heute zu anstrengend sein. Wir passen Lernangebote laufend an und stimmen uns mit den Familien, den Stammschulen und den beteiligten Berufsgruppen ab.“ Während der Großteil der Klinikschulen in Bayern Schüler unterrichtet, die aufgrund einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung behandelt werden, hat die Klinikschule in Rummelsberg einen somatischen Schwerpunkt, der Fokus liegt somit auf der körperlichen Ebene. In Rummelsberg treffen demzufolge sehr unterschiedliche Bildungswege aufeinander – von der Grundschule, zur Mittelschule über Gymnasium bis hin zum Förderzentrum. „Das erfordert eine große pädagogische Bandbreite. Für das eine Kind geht es darum, an den Unterricht der Stammschule anzuschließen. Bei einem anderen Kind muss zunächst ein Zugang zu Kommunikation und Lernen geschaffen werden. Auch bei kurzen stationären Aufenthalten versuchen wir, für jedes Kind ein passendes Bildungsangebot anzubieten.“ Für die anschließende Genesungszeit zu Hause oder in der Reha bietet die Schule digitale Unterstützung mit Hilfe eines Schul-Avatars oder Onlineunterricht.
Für die kleinen und großen Patienten, die hauptsächlich aus der Klinik für Kinder-, Jungend und Neuroorthopädie von Chefarzt Dr. Michael Wachowsky entstammen, bedeutet Schule während des Klinikaufenthalt ein Stück vertrauter Alltag. Die Kinder erleben und spüren, dass ihre Interessen und ihre Entwicklung auch weiterhin zählen. Sie merken, dass sie hier angenommen werden, so wie sie sind und auch einmal über etwas Anderes nachzudenken – als nur über die nächste Behandlung. „Das 20-jährige Bestehen der Schule ist ein Meilenstein. Mit der Namensänderung erhoffe ich mir, dass unsere tägliche Arbeit stärker wahrgenommen wird. Schule gehört zur medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen einfach dazu. Warum? Weil der Bildungsanspruch nicht an der Kliniktür stoppt.“
Das vierköpfige Lehrerinnen-Team der Klinikschule am Krankenhaus Rummelsberg freut sich über die Namensänderung: Christiane Dieckmann, Christine Hilbert-Ziegler, Susanne Glörfeld und Simone Ottmann (v.l.n.r.).
Über das Krankenhaus Rummelsberg
Das Krankenhaus Rummelsberg, in der Trägerschaft der Sana Kliniken AG, verfügt über 350 Betten und ist südöstlich von Nürnberg gelegen. Das Lehrkrankenhaus der Universität Erlangen-Nürnberg ist in den Fachbereichen Orthopädie und Unfallchirurgie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Neurologie, Innere Medizin und Geriatrische Rehabilitation weit über die Grenzen der Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen hinaus bekannt und spezialisiert. Medizinische und pflegerische Fachkompetenz prägen die Arbeit im Krankenhaus Rummelsberg. Rund 13.500 stationäre und 23.000 ambulante Patienten werden hier jährlich versorgt. Zwischen 2023 und 2027 wird das bisherige Wichernhaus durch ein hochmodernes Klinikgebäude ersetzt. Die Baumaßnahme in Höhe von 140 Millionen Euro wird teilweise durch den Freistaat Bayern gefördert.
Mehr Informationen unter www.krankenhaus-rummelsberg.de.