Digital verbunden – mit dem Herz
Wenn Harald Rietschel morgens aufwacht, war sein kleiner Helfer längst aktiv. Still und zuverlässig hat der Transmitter auf dem Nachttisch über Nacht Rietschels Gesundheitsdaten an das Herzzentrum Dresden geschickt – noch bevor der 69-jährige Rentner aus dem ostsächsischen Sebnitz selbst spürt, wie es ihm geht. Das Gerät ist kaum größer als ein WLAN-Router und gibt ihm ein großes Stück Sicherheit zurück.
Kurz vor dem Ruhestand vor vier Jahren ging es los. Der Metzgermeister fühlte sich immer schwächer, weniger leistungsfähig und litt unter Atemnot. Die Diagnose im Herzzentrum Dresden: fortschreitende Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Dem Sebnitzer wurde operativ zunächst eine neue Herzklappe eingesetzt, wenige Wochen später ein Herzschrittmacher.
Wenn das Herz seine Kraft verliert
„Eine Herzschwäche – Herzinsuffizienz genannt – ist oft gepaart mit Herzrhythmusstörungen“, erklärt Julia Mayer, kardiologische Oberärztin am Herzzentrum Dresden. „Das Herz schlägt dann nicht mehr synchron, vergrößert sich und verliert an Kraft – es wird überdehnt, was die Schwäche zusätzlich verstärkt“, so die Rhythmologin. Eine Herzinsuffizienz ist keine seltene Diagnose. Sie betrifft Millionen Menschen, besonders im höheren Alter. „Häufig ist die Herzschwäche erworben – etwa nach einem Herzinfarkt oder durch jahrelangen Bluthochdruck“, sagt Julia Mayer.
Bei einer fortgeschrittenen Herzschwäche, wie im Fall von Harald Rietschel, kann die sogenannte kardiale Resynchronisationstherapie helfen. Mithilfe eines speziellen Schrittmachers erhält das vergrößerte und geschwächte Herz notwendige Impulse, um gleichmäßig und synchron zu schlagen, was die Pumpleistung sowie die Leistungsfähigkeit verbessert. Der Schrittmacher selbst ist meist nur so groß wie eine Streichholzschachtel, wird unterhalb des Schlüsselbeins implantiert und mit Sonden, die über die Schlüsselbeinvene geführt werden, mit dem Herz verbunden. Gerät das Herz aus dem Takt, gibt der Schrittmacher einen elektrischen Impuls ab, um die Herzkammern wieder in einen Gleichtakt zu bringen – wie ein Dirigent, der das Orchester zusammenhält. „Die Patienten bemerken es meistens gar nicht, wenn der Schrittmacher aktiv wird“, erklärt Julia Mayer.
Medizinische Betreuung rund um die Uhr – aus der Ferne
Doch mit der Implantation allein ist es nicht getan. Entscheidend ist eine kontinuierliche Nachsorge. Und genau hier kommt die Telemedizin ins Spiel. Patientinnen und Patienten, die ein kardiales Implantat wie einen Herzschrittmacher erhalten, können so unkompliziert aus der Ferne überwacht werden.
Das funktioniert ganz einfach. Die Patienten erhalten einen Transmitter für zu Hause. Die Betroffenen sollen das Gerät dann an einem festen Ort aufstellen, an dem sie sich regelmäßig zu einer bestimmten Uhrzeit aufhalten – oft im Schlafzimmer. Das Implantat verbindet sich nachts automatisch mit dem Transmitter und tauscht Daten über die Herzaktivität und technische Daten zur Implantatfunktion aus. Der Transmitter wiederum sendet diese Daten verschlüsselt direkt an das Herzzentrum Dresden.
„Gerade bei chronischer Herzschwäche kann sich der Zustand von einem Tag auf den anderen dramatisch verschlechtern“, sagt Julia Mayer. „Durch das kontinuierliche Monitoring erkennen wir frühzeitig, wenn Werte entgleisen – bevor es zu einem Notfall kommt.“ Etwa 150 bis 200 auffällige Übertragungen gehen pro Tag im Herzzentrum ein. Sie werden durch eine spezielle Software vorsortiert, anschließend direkt von erfahrenen Medizinerinnen und Medizinern bewertet und im Zweifel wird der Patient unmittelbar kontaktiert und einbestellt.
Wie gut das funktioniert, hat sich auch bei Harald Rietschel erst vor ein paar Wochen gezeigt: Die Telemedizin-Daten wiesen darauf hin, dass eine der Sonden den Impuls des Schrittmachers offenbar nicht mehr richtig steuern konnte. Auch Rietschel selbst spürte, dass etwas nicht stimmte. „Ich war schlapp und nicht mehr leistungsfähig“, erzählt er. Der Anruf aus dem Herzzentrum ließ nicht lange auf sich warten: Man habe Auffälligkeiten festgestellt, er solle bitte zur Kontrolle kommen. Im Rahmen eines ambulanten Termins wurde das Gerät neu programmiert – mit Erfolg. „Die Verbesserung kam schnell und ich war sehr erleichtert“, so der Patient.
Kein Ersatz, sondern kluge Ergänzung
Wichtig ist jedoch zu wissen, dass das telemedizinische System kein Notfallsystem ist. „Wir können Veränderungen zwar früh erkennen, aber wir können die Implantate nicht fernsteuern und zum Beispiel einen Impuls auslösen“, erklärt Julia Mayer. „Eine neue Programmierung oder Anpassung des Implantats muss immer hier vor Ort geschehen.“
Unabhängig davon haben die Patientinnen und Patienten jederzeit die Möglichkeit, auch selbst aktiv Daten zu übertragen, wenn sie das Gefühl haben, etwas sei nicht in Ordnung. Julia Mayer berichtet von einem sehr eindrücklichen Beispiel: „Eine Patientin meldete sich selbst bei uns, weil sie sich unwohl fühlte. Ihre übertragenen Daten waren auffällig und es stellte sich heraus, dass sie eine neue, akute Herzrhythmusstörung hatte. Wir konnten sofort reagieren und ihr helfen.“
Aber nicht nur im Ernstfall profitieren Patientinnen und Patienten von der telemedizinischen Überwachung. Viele Wege in die Klinik lassen sich durch das Monitoring vermeiden. Für viele Menschen mit Herzinsuffizienz bedeutet das: weniger Krankenhausaufenthalte, mehr Sicherheit im Alltag. Routinekontrollen vor Ort gibt es natürlich weiterhin – je nach Krankheitsbild alle sechs oder zwölf Monate. Auch Hausärztinnen und Hausärzte bleiben wichtige Ansprechpersonen. „Die Telemedizin ersetzt niemanden“, betont Mayer. „Sie erweitert das Netz der Versorgung – besonders für chronisch kranke Menschen.“
Innovation bringt Entlastung
Gerade in Regionen mit ausgedünnter medizinischer Infrastruktur ist das ein echter Fortschritt. „Wir sehen uns als Herzzentrum in der Verantwortung, innovative Versorgungskonzepte nicht nur zu erforschen, sondern auch in die Fläche zu bringen“, sagt Oliver Wehner, Geschäftsführer des Herzzentrums Dresden. „Die Telemedizin hilft uns, Menschen dort zu erreichen, wo es keine wohnortnahe Fachversorgung mehr gibt.“ Ein Großteil der mittlerweile 1.500 Patientinnen und Patienten, die am Herzzentrum Dresden telemedizinisch überwacht werden, lebt im ländlichen Raum. Manche wohnen 100 Kilometer oder weiter entfernt, andere kommen gar nicht mehr selbstständig in die Stadt. Für sie ist die digitale Anbindung ein Gewinn an Lebensqualität und eine Brücke zu spezialisierter Medizin.
Blick in die Zukunft: smarter, schneller, vorausschauender
Die Perspektiven sind vielversprechend: Künstliche Intelligenz könnte künftig noch schneller Auffälligkeiten in den Daten erkennen und dabei helfen, Risikoprofile individueller zu bewerten. Neue Sensoren zur Gewichtskontrolle oder zur Erfassung von Atemmustern könnten weitere Einblicke geben. Sogar die Stimme eines Menschen – ihre Klangfarbe, das Atemtempo und der Sprechfluss – wird derzeit als Frühindikator für Herzprobleme erforscht. „Wir stehen erst am Anfang“, sagt Julia Mayer. „Aber das Potenzial ist riesig. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten möglichst lange stabil zu halten und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.“
Fazit: Mehr Kontrolle, weniger Angst
Für Menschen wie Harald Rietschel bedeutet das: mehr Kontrolle, weniger Angst. Und ein Alltag, der wieder Alltag sein darf. „Ich muss nicht ständig an meine Krankheit denken“, sagt er. „Ich weiß: Da ist jemand, der aufpasst.“
Mehr Informationen zur Abteilung für Rhythmologie am Herzzentrum Dresden: https://www.sana.de/herzzentrum-dresden/medizin-pflege/rhythmologie
Telemedizin am Herzzentrum Dresden: Patientenaufklärung und -beratung.
Die Ärztin erklärt dem Patienten die Vorgehensweise am Monitor.