Coburg,
11
November
2025
|
15:42
Europe/Amsterdam

Kleine Kämpfer – große Verantwortung

Die oft übersehene Gruppe der späten Frühgeborenen

Zusammenfassung
  • Das Sana Klinikum Coburg bietet mit dem Perinatalzentrum Level 1o und dem neuen Eltern-Kind-Zentrum eine umfassende, wohnortnahe Versorgung von Mutter und Kind – von der Risikoschwangerschaft über die Geburt bis zur Nachsorge.
  • Durch frühzeitige Risikoerkennung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und gezielte Frühförderung können viele sehr frühe Frühgeburten verhindert und die langfristigen Gesundheitschancen später Frühgeborener deutlich verbessert werden.
  • Rückgang sehr früher Frühgeburten, während zugleich mehr “späte Frühgeborene” (33.–37. SSW) zur Welt kommen, die trotz „fast termingerechter“ Geburt ein erhöhtes Risiko für Atem-, Stoffwechsel- und Entwicklungsprobleme haben und daher eine besondere medizinische Betreuung und Nachsorge benötigen.

Der Weltfrühchentag wird jedes Jahr am 17. November begangen, um auf die Situation von Frühgeborenen und ihren Familien aufmerksam zu machen. Ziel ist es, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die besonderen Herausforderungen zu schärfen, die diese Kinder und ihre Angehörigen zu bewältigen haben. Weltweit werden an diesem Tag symbolisch Gebäude lila – der offiziellen Farbe für Frühgeborene – angestrahlt, so auch das Klinikum Coburg. Im Gespräch erläutern die Chefärzte der Pädiatrie, Prof. Dr. Peter Dahlem und Dr. Harald-Hans Altmann, die Versorgungssituation für werdende Mütter und Frühgeborene in der Region. Sie gehen auf mögliche Ursachen von Frühgeburten sowie auf gesundheitliche Risiken für Frühchen ein – und erklären, warum gerade die sogenannten „späten Frühgeborenen“ mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Frage: Am 17. November ist Weltfrühgeborenentag. Sie richten in diesem Jahr die Aufmerksamkeit besonders auf die späten Frühgeborenen. Warum?

Dr. Altmann: Zunächst einmal ist es eine sehr positive Entwicklung, dass wir heute deutlich weniger Frühgeburten sehen als noch vor einigen Jahren – ganz unabhängig vom individuellen Geburtsgewicht und den unterschiedlichen Kategorien. Diese Entwicklung können wir international beobachten – die Zahl extrem früher Geburten ist rückläufig, weil Komplikationen in der Schwangerschaft heute früher erkannt und besser behandelt werden können. Das ist ein großer Erfolg der modernen Medizin, denn reif geborene Babys haben nun einmal die besten gesundheitlichen Startbedingungen, daher kämpfen wir gemeinsam um jeden Tag im Mutterleib.

Prof. Dahlem: Gerade weil die extremen Frühgeburten sinken, wächst der Anteil der späten Frühgeborenen, die zwischen der vollendeten 33.  und der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) auf die Welt kommen, und es lohnt sich, diese Gruppe in den Blick zu nehmen. Sie wird statistisch bislang kaum gesondert betrachtet, obwohl wir auch bei ihnen relevante Risiken sehen, denen man durch gute Betreuung und strukturierte Nachsorge begegnen kann. Dafür haben wir in Coburg beste Voraussetzungen.

Frage: Welche Faktoren führen am häufigsten zu einer Frühgeburt?

Dr. Altmann: Die Ursachen sind sehr vielfältig. Zu den bekanntesten Risikofaktoren zählen unter anderem Mehrlingsschwangerschaften, Schwangerschaftsbluthochdruck und andere Erkrankungen der Mutter. Aber auch so genannte Plazentationsstörungen, bei welchen der Mutterkuchen zu klein ist und es zu einem Versorgungsproblem für das Kind im Mutterleib  kommt, zählen dazu. Auch Infektionen gelten als sehr relevante Risikofaktoren einer drohenden Frühgeburt, welche sich durch Verkürzung des Gebärmutterhalses oder auch vorzeitige Wehen, sowie einem Blasensprung führen können. Aber auch hier zeigt sich der Fortschritt: Wir erkennen Risiken früher, behandeln gezielter und können dadurch immer häufiger eine Geburt vor der 34. Woche verhindern. Dass es insgesamt weniger Frühgeburten gibt, stärkt natürlich die Chancen der kleinen Kämpfer und entlastet das System.

Frage: Coburg führt seit ca. einem Jahr den Status „Perinatalzentrum Level 1o“: Was bedeutet das konkret für werdende Eltern?

Prof. Dahlem: Der Status 1o ist für uns ein echter Vorteil: Er ermöglicht es uns, weiterhin Schwangere sehr früh, sehr flexibel und wohnortnah zu versorgen. Nur bei einem erwarteten Geburtsgewicht von unter 1.250 Gramm verlegen wir die Patientin innerhalb des Verbunds der Perinatalzentren Nordfranken, was dank der modernen Behandlungsmethoden immer seltener vorkommt. Nach der Entbindung können Mutter und Kind, wenn es die Situation erlaubt, wieder zu uns zurückverlegt werden. Für Familien der Region bedeutet das: kurze Wege, vertraute Strukturen und eine umfassende Versorgung aus einer Hand.

Frage: Späte Frühgeborene gelten oft als „fast termingerecht“. Wie groß sind die gesundheitlichen Risiken tatsächlich?

Prof. Dahlem: Diese Gruppe hat nicht zu unterschätzende medizinische Risiken, so liegt beispielsweise ihre Krankheitslast mit 22 Prozent deutlich über der von reifgeborenen Kindern (3 Prozent). In unserer Neonatologie sehen wir vor allem Atemprobleme, Kreislaufinstabilität, Stoffwechselstörungen und Schwierigkeiten beim Stillen oder Trinken aus der Flasche. Auf all diese Themen können wir im Eltern-Kind-Zentrum noch besser eingehen, denn hier erfolgt künftig eine engmaschige Überwachung auf der Geburtsstation. Mutter und Kind bleiben, wenn es die Situation erlaubt, zusammen und haben bei bester medizinischer Versorgung Zugriff auf alle Angebote der Geburtshilfe, darunter auch die Still- und Laktationsberatung. Einzige Ausnahme sind natürlich kritische Fälle, die auf der Kinderintensivstation versorgt werden müssen.

Frage: Welche Herausforderungen treten für späte Frühgeborene nach der Entlassung auf:

Prof. Dahlem: Auch nach der Entlassung benötigen späte Frühgeborene eine besonders sorgfältige Nachsorge, denn es gibt ein gewisses Risiko für neurologische Auffälligkeiten oder behandlungsbedürftige Entwicklungsstörungen. Wichtig ist daher, dass Kinderärzte in den Vorsorgeuntersuchungen sehr genau hinschauen und bei Bedarf zum Spezialisten überweisen. Viele dieser Kinder profitieren in den ersten Lebensjahren von gezielter Förderung. Langzeitstudien zeigen zudem, dass sich manche Auffälligkeiten bis ins Erwachsenenalter fortsetzen können. Das kann medizinische, soziale und wirtschaftliche Belastungen zur Folge haben, die sich durch eine gute Frühförderung deutlich reduzieren lassen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf unsere hervorragende sozialmedizinische Versorgung in Coburg hinweisen: Hier arbeiten viele Stellen, darunter Harl.e.kin und auch Cojuki, dem Förderverein der Kinderklinik, eng zusammen, um Familien in besonderen Situationen zu unterstützen. Beispielsweise ist das monatliche Frühchen-Café ein echter Gewinn für betroffene Familien.

Frage: Wie stellt sich das Sana Klinikum Coburg auf diese wachsende Gruppe ein?

Prof. Dahlem: Mit unserem neu strukturierten Eltern-Kind-Zentrum schaffen wir die Voraussetzung, Mutter und Kind als Einheit zu betrachten und zu versorgen. So können wir sie von der Geburt über die ersten Lebenswochen begleiten und unterstützen.

Dr. Altmann: Mit dem Level 1o Status des Perinatalzentrums führen wir die enge Zusammenarbeit der Fachbereiche und auch den Fokus auf die Prävention fort. So können wir viele sehr frühe Frühgeburten vermeiden und gleichzeitig späte Frühgeborene optimal versorgen. Für die Familien der Region ist das ein großer Gewinn an Sicherheit und Lebensqualität.

Anlässlich des Weltfrühgeborenentags lädt das Sana Klinikum Coburg ehemalige Patientinnen und Patienten sowie Netzwerkpartner, Unterstützer und Interessierte am 17. November ab 16:00 Uhr zu einem Wiedersehen. Bei Kaffee, Kuchen und einem bunten Rahmenprogramm mit Kinderschminken, Laternenbasteln und Überraschungsgästen für die Kleinen bleibt viel Zeit für den Austausch und das gemeinsame Erinnern. Höhepunkt wird der gemeinsame Laternenumzug im Außengelände des Klinikums um 17:30 Uhr.

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Bild: Chefarzt der Kinderklinik Ass. Prof. Dr. Dr. Peter Dahlem (Copyright: SKOF)

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Bild: Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. Harald-Hans Altmann (Copyright: SKOF)