„Sich nicht das Leben von der Krankheit nehmen lassen“
Zum 23. Mal fand ein Symposium zur Multiplen Sklerose in Rummelsberg statt
Wenn Chefarzt PD Dr. Martin Winterholler einlädt, folgen viele Patienten und Angehörige seinem Ruf. So auch beim Symposium zur Multiplen Sklerose, welches die Klinik für Neurologie bereits zum 23. Mal abgehalten hat. Unterschiedliche Therapieverläufe, die Bewertung von Medikamenten und Neuerungen bei der Diagnosestellung standen auf der Tagesordnung – sowie ein prominenter Abgang an der Klinik.
Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Nervenhüllen angreift. Dass Betroffene nicht alleine sind mit ihrer Krankheit, wird bei den Veranstaltungen der Klinik für Neurologie jedes Mal aufs Neue deutlich. Beim Parkinson-Symposium reichen die Stühle der Reichswaldhalle künftig nicht mehr aus, beim MS-Symposium war auch der letzte Platz im Vortragssaal der Klinik belegt.
Ein Zeichen dafür, dass das Format und die Themen auf großes Interesse stoßen. Chefarzt Winterholler lobte und appellierte an die Anwesenden: „Sie setzen sich mit Ihrer Krankheit aktiv auseinander, das ist ganz wichtig – auch um den Verlauf der Krankheit abzumildern. Man darf sich das Leben nicht von der Krankheit nehmen lassen!“ Die Kunst sei es nach wie vor, das richtige Medikament für den richtigen Patienten zu finden und zweigleisig zu fahren. Eine Schubtherapie mache nur während eines akuten Anfalls Sinn. „Den langfristigen Schutz vor einer Zunahme auch hinsichtlich Behinderung gibt die Immuntherapie“, so Winterholler. Studien würden zeigen, dass bei einer frühzeitigen Immuntherapie die Einschränkungen und Behinderungen viel weniger ins Gewicht fallen.
Unterschiedliche Behandlung je nach Lebensphase
Im Mittelpunkt des Symposiums standen neue Diagnose-Kriterien, mit denen MS früher und präziser erkannt werden kann. Dazu erklärte Dr. Heimo Stamm, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie und Leiter der MS-Ambulanz am Krankenhaus Rummelsberg: „Die Diagnosekriterien sind im Wandel. Wenn MS nur im MRT sichtbar war, gab es in den meisten Fällen früher keine Therapie oder Diagnose. Allerdings hat sich bei der Hälfte dieser Patienten nach zehn Jahren eine MS festgestellt. Künftig reicht ein zufälliger Befund aus, um die Diagnose stellen zu können – auch ohne Symptome. Mit der Therapie kann dann sofort gestartet werden, der Patient muss es nur wollen.“ Schlimmere Verläufe der Krankheit würden sich so verhindern lassen. Schließlich sei die Krankheit nicht heilbar, aber man kann, wenn man gut eingestellt ist, sehr gut damit leben – auch bis ins hohe Alter, so Stamm. Der Mediziner stellte die drei Verlaufsformen der Krankheit vor. Der schubförmige Verlauf sei dabei der häufigste, es gebe aber auch den schleichenden Verlauf und den chronischen, wo sich die neurologischen Symptome schleichend und kontinuierlich verschlechtern, meistens zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. Die eine Therapie gebe es bei der Behandlung der „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ nicht, so Stamm. „Die Therapieauswahl wird gemeinsam zwischen Patient und Arzt festgelegt – und dabei auch die Lebensphase berücksichtigt, in der sich der Betroffene befindet. Eine Patientin, die schwanger werden möchte, wird ganz anders behandelt. Es gibt auch Medikamente, die noch nicht freigegeben sind, die aber für manche Patienten eine Wirkung haben oder beispielsweise die Behinderung verhindern. Man muss hier gemeinsam abwägen, weil natürlich auch Nebenwirkungen eine Rolle spielen.“
„Ein austherapiert gibt es nicht bei Multipler Sklerose“
Allergisch zeigte sich Stamm gegenüber dem Satz „Ich bin austherapiert.“ Wenn Patienten mit diesem Satz zu ihm kommen, widerspricht Stamm vehement: „Was die Immuntherapie mit Medikamenten betrifft, mag das sein. Aber was ist mit Physiotherapie oder Blasenstörungen und Co.? Das macht ganz viel aus!“ Die Medikamente seien ein Behandlungsansatz. Aber es gibt viele weitere Faktoren wie das Nicht-Rauchen, die gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Infektprävention, Blutdruckkontrolle oder Vitamin D3. Auch das Sonnenlicht habe deutliche Effekte auf messbare Parameter. „Ein austherapiert gibt es bei Multipler Sklerose nicht“, machte Stamm deutlich. Der leitende Oberarzt nahm an seinem zwölften Symposium aber auch mit einem weinenden Auge teil. Wie Chefarzt Winterholler erklärte, verlässt sein Oberarzt die Klinik. Mit Dr. Muslum Shahbazov ist sein Nachfolger seit einiger Zeit aber bereits am Krankenhaus Rummelsberg.
Im Anschluss an den Hauptvortrag bestand die Möglichkeit, in Kleingruppen verschiedenen Themen der Krankheit zu beleuchten. Chefarzt Winterholler thematisierte was im Umgang mit MS für mehr Lebensqualität sorgen kann, Oberarzt Stamm stellte das Thema Impfungen und MS vor, Martina Dismond und Sabine Tietjen von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, kurz DMSG, widmeten sich den Rechten bei MS und was das für Reha, Beruf und Unterstützung bedeutet und MS-Nurse Karin Schmid-Loehr beleuchtete, was bei Reisen in Bezug auf MS wichtig ist. Ein buntes Potpourri an Themen, wo sich jeder Teilnehmer zwei Workshops jeweils heraussuchen konnte. Und die gute Nachricht gab Chefarzt Winterholler am Ende allen mit: „Es wird auch im nächsten Jahr wieder ein MS-Symposium geben!“
Volles Haus bei der 23. Auflage des Symposiums zur Multiplen Sklerose am Krankenhaus Rummelsberg.
Über das Krankenhaus Rummelsberg
Das Krankenhaus Rummelsberg, in der Trägerschaft der Sana Kliniken AG, verfügt über 350 Betten und ist südöstlich von Nürnberg gelegen. Das Lehrkrankenhaus der Universität Erlangen-Nürnberg ist in den Fachbereichen Orthopädie und Unfallchirurgie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Neurologie, Innere Medizin und Geriatrische Rehabilitation weit über die Grenzen der Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen hinaus bekannt und spezialisiert. Medizinische und pflegerische Fachkompetenz prägen die Arbeit im Krankenhaus Rummelsberg. Rund 13.500 stationäre und 23.000 ambulante Patienten werden hier jährlich versorgt. Zwischen 2023 und 2027 wird das bisherige Wichernhaus durch ein hochmodernes Klinikgebäude ersetzt. Die Baumaßnahme in Höhe von 140 Millionen Euro wird teilweise durch den Freistaat Bayern gefördert. Mehr Informationen unter www.krankenhaus-rummelsberg.de.