„Stillen ist ein Geschenk – aber kein Muss"

Experteninterview zur ersten deutschen Leitlinie zum Stillen mit Dr. Mark Oliver Prange, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Sana Klinikum Coburg

Frage: Erstmals gibt es in Deutschland eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zur Stilldauer. Was bedeutet das für werdende und frischgebackene Mütter?

Dr. Prange: Die neue Leitlinie ist ein wichtiger Meilenstein. Sie schafft endlich Klarheit in einer Frage, die viele Eltern verunsichert: Wie lange sollte ich mein Baby stillen? Die klare Empfehlung lautet nun: Babys sollten in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt werden, die Gesamtstilldauer sollte mindestens zwölf Monate betragen. Das ist eine klare, wissenschaftlich fundierte Empfehlung.

Frage: Welche gesundheitlichen Vorteile hat das Stillen für das Baby?

Dr. Prange: Die Vorteile sind vielfältig und gut belegt. Muttermilch ist perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt und enthält nicht nur alle wichtigen Nährstoffe, sondern auch Antikörper, die das Immunsystem des Babys stärken. Gestillte Babys haben zudem ein deutlich geringeres Risiko für Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infekte. Studien zeigen auch langfristige Effekte: darunter ein reduziertes Risiko für Asthma, Allergien und sogar für bestimmte Entwicklungsstörungen. Auch für die Zahn- und Kieferentwicklung ist das Saugen an der Brust positiv.

Frage: Hat das Stillen auch Vorteile für die Mütter?

Dr. Prange: Absolut, auch Mütter profitieren enorm. Frauen, die insgesamt mindestens zwei Jahre gestillt haben, senken ihr Brustkrebsrisiko um etwa 25 Prozent. Auch das Risiko für Gebärmutter- und Eierstockkrebs sowie für Osteoporose im Alter sinkt. Zudem kann Stillen den Blutdruck langfristig positiv beeinflussen und senkt möglicherweise auch das Risiko für postnatale Depressionen. Das sind bedeutende gesundheitliche Vorteile, die oft unterschätzt werden.

Frage: Ab wann empfiehlt die Leitlinie die Einführung von Beikost?

Dr. Prange: Nach sechs Monaten ausschließlichem Stillen sollte Beikost eingeführt werden – idealerweise ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat. Das hat gute Gründe: Ab diesem Zeitpunkt brauchen Babys mehr Eisen, als Muttermilch allein liefern kann. Wichtig ist: Auch nach Einführung der Beikost kann und darf weitergestillt werden, solange Mutter und Kind das möchten.

Frage: Wie unterstützt das Sana Klinikum Coburg Mütter beim Stillen?

Dr. Prange: Stillförderung ist uns sehr wichtig. Unser Team umfasst speziell ausgebildete Stillberaterinnen und Kinderkrankenschwestern, die schon auf unserer Wochenbettstation eng mit den Müttern zusammenarbeiten. Vom ersten Anlegen nach der Geburt bis zur Entlassung begleiten wir die Familien intensiv. Bei Fragen oder Schwierigkeiten – sei es bei der Stillposition, bei Milchstau oder wunden Brustwarzen –unsere Expertinnen unterstützen bei Bedarf.

In Kooperation mit der stillfreundlichen Kommune Coburg bieten wir zudem kostenlose Informationsveranstaltungen an, in denen werdende Eltern alles Wichtige rund ums Stillen im Krankenhaus und im Wochenbett erfahren.

Diese Vorbereitung macht einen großen Unterschied. Etwa 80 Prozent der Mütter gehen bei uns nach der Geburt stillend nach Hause – das ist ein Erfolg, auf den wir stolz sind. Eine ganz wichtige Ansprechpartnerin ist natürlich die Hebamme, die bereits während der Geburtsvorbereitungskurse zum Stillen informieren kann. Oft treffen werdende Mütter bereits vor der Geburt aktiv die Entscheidung, ob sie ihr Kind später stillen wollen.

Frage: Was ist mit Müttern, die nicht stillen können oder wollen?

Dr. Prange: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Leitlinie darf nicht als Druck verstanden werden. Es kann auch medizinische Gründe geben, die gegen das Stillen sprechen – etwa bestimmte Medikamente oder Erkrankungen. Und es gibt Frauen, die sich aus persönlichen Gründen gegen das Stillen entscheiden oder bei denen es trotz bester Unterstützung einfach nicht klappt. Auch das ist in Ordnung.

Stillen ist ein Geschenk, aber kein Muss. Jede Mutter tut das Beste für ihr Kind – ob mit Muttermilch oder mit der Flasche. Falls das Stillen nicht möglich ist oder nicht gewünscht wird, bieten wir im Klinikum eine hypoallergene Milchnahrung an. Unser Anspruch ist eine individuelle, respektvolle Begleitung von Mutter und Kind.

Frage: Am Sana Klinikum Coburg wurde kürzlich ein neues Eltern-Kind-Zentrum eröffnet. Was bedeutet das konkret für die Familien?

Dr. Prange: Das Eltern-Kind-Zentrum ist ein besonderes Herzstück unserer Geburtshilfe. Hier arbeiten Frauenklinik und Kinderklinik Hand-in-Hand zusammen – das ermöglicht eine nahtlose Betreuung von Mutter und Kind von der Schwangerschaft über die Geburt bis in die ersten Lebenswochen.

Was uns besonders auszeichnet: Auch überwachungspflichtige Neugeborene – etwa Babys, die nach der Geburt medizinische Unterstützung benötigen – können vom Rooming-In profitieren. Das heißt, die Babys bleiben direkt bei ihren Eltern im Zimmer, statt auf einer separaten Kinderstation untergebracht zu werden. Wir haben speziell ausgestattete Zimmer, in denen die notwendige Überwachung und Versorgung des Kindes gewährleistet ist, während Mutter und Kind trotzdem zusammenbleiben können. So Eltern ihr Kind von Anfang an kennenlernen, auch wenn es vielleicht etwas mehr Unterstützung braucht als andere Neugeborene.

Ein persönliches Anliegen ist mir auch das Sectio-Bonding, also der Haut-zu-Haut-Kontakt von Mutter und Kind nach einem Kaiserschnitt. Auch diesen versuchen wir – natürlich in Abhängigkeit der individuellen Situation – zu ermöglichen.

Beides, die Förderung von Haut-zu-Haut Kontakt nach Geburt und das Room-In sind Gold wert für das Bonding und damit auch für das Stillen. Denn Nähe ist die beste Voraussetzung für eine gelingende Stillbeziehung.

Dr_Prange

Bild: Dr. med. Mark Oliver Prange, Oberarzt am Sana Klinikum Coburg (Copyright: SKOF)