Unwetter im Gehirn: Was passiert bei einem Migräneanfall?
Migräne hat viele Facetten. Bei manchen Patienten kündigt sich ein Anfall an, beispielsweise durch Augenflimmern. Bei anderen setzen die unerträglichen Kopfschmerzen hingegen unvermittelt ein. Auch wenn es bekannte Auslöser gibt, können die Betroffenen meist nichts dafür und sind schlichtweg ausgeknockt, weil im Gehirn eine Art Unwetter wütet. Was ist da los?
Noch in den Siebzigerjahren galt die Migräne häufig als hysterische Erkrankung. Daraus resultierte eine unberechtigte Stigmatisierung der Patienten. Unter Migräne zu leiden, war mit Scham besetzt. Heute ist bekannt, dass die Migräne keine psychische Störung, sondern ein neurologisches Krankheitsbild ist.
Professor Max Nedelmann, Chefarzt der Abteilung für Neurologie in den Pinneberger Regio Kliniken, erklärt: “Migräne hat körperliche Ursachen und entsteht durch eine vom Nervensystem ausgelöste Entzündungsreaktion.”
Botenstoffe überfluten das Gehirn
Bei einer Migräne ist der Hirnstamm besonders empfindlich und überreizt. Ähnlich wie eine falsch eingestellte Alarmanlage, die schon bei kleinsten Reizen losgeht. Spezielle Nerven werden aktiv, die in der Nähe der Blutgefäße im Gehirn verlaufen. Sie setzen Stoffe frei, die Entzündungen auslösen, beispielsweise den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptid). Das führt dazu, dass sich die Blutgefäße erweitern und in der Folge der typische Migräneschmerz entsteht.
Eine Schlüsselrolle in diesem Gehirn-Unwetter spielt der Gesichtsnerv, der Nervus trigeminus. “Bisher kann die Wissenschaft allerdings nicht abschließend beantworten, warum es zu dieser überschießenden Aktivierung des Gehirns kommt”, führt Max Nedelmann aus.
Aura-Symptome abklären lassen
Ursache für die schweren Beschwerden bei einem Migräneanfall ist die Entzündungskaskade. „Das häufigste Symptom ist der einseitige, pulsierend-pochende Kopfschmerz. Dieser kann entweder alleine auftreten oder in Kombination mit einer vorgelagerten Aura“, sagt der Pinneberger Neurologe. „Eine Aura kann einhergehen mit Sehfeld-, Sensibilitäts- und Sprachstörungen oder einer Kombination daraus. In seltenen Fällen tritt eine Aura ohne nachfolgenden Kopfschmerz auf.“
Die mit einer Aura verbundenen Symptome sind zum Teil auch bei Schlaganfällen typisch. Menschen, die solche Beschwerden zum ersten Mal erleben, sollten sich unverzüglich ärztlich untersuchen lassen beziehungsweise den Rettungsdienst rufen. Sollte es sich nicht um eine Migräne, sondern um einen Schlaganfall handeln, zählt jede Minute.
Genetische Veranlagung
Viele Migränepatienten haben eine genetische Veranlagung, die sie anfälliger macht. Dabei wird nicht nur die Veranlagung zur Migräne vererbt, sondern auch die spezifische Art und die Schwere der Migräne. Für die Migräne mit Aura konnte auch ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle nachgewiesen werden, und zwar unabhängig von weiteren Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Rauchen.
Der Körper von Migränepatienten reagiert überempfindlich auf Reize, beispielsweise Licht, Lärm, Stress oder bestimmte Nahrungsmittel. Die Nervenzellen verbrauchen in solchen Situationen mehr Energie als normal. Deshalb spüren viele Betroffene schon vor dem Anfall ein starkes Hungergefühl oder sogar Heißhunger.
Lebensstil anpassen
Die genetische Veranlagung lässt sich nicht ändern. Trotzdem haben die Betroffenen viele Möglichkeiten, ihre Erkrankung zu lindern: “Patienten können durch Anpassung ihrer Lebensweise schon sehr viel dafür tun, dass sie seltener, mit Glück vielleicht gar nicht mehr, von Migräne heimgesucht werden”, sagt der Neurologe.
Eine wichtige Stellschraube ist die Ernährung. „Insbesondere der Konsum von fermentierten Lebensmitteln kann die Neigung zu weiteren Migräneattacken fördern“, erklärt Max Nedelmann. „Gereifter Käse, Alkohol und Schokolade können Migräneattacken auslösen. Daher sollten Migränepatienten diese Produkte gegebenenfalls meiden. Ich empfehle meinen Patienten ein Ernährungstagebuch. So kann jeder seine eigenen Essgewohnheiten dokumentieren und langfristig feststellen, welche Nahrungsmittel die Migräneattacken wahrscheinlich befeuern.“
Die zweite relevante Stellschraube, die jeder Patient und jede Patientin selbst in der Hand hat, ist regelmäßige Bewegung in beschwerdefreien Phasen. “Ausdauersport, möglichst dreimal pro Woche, ist eine gute Maßnahme zur Vorbeugung von Migräne”, sagt der Pinneberger Neurologe. “Zudem tragen ein effektives Stressmanagement und eine gute Schlafqualität zu einem beschwerdeärmeren Leben bei.”
In vielen Fällen ist jedoch auch eine medikamentöse Behandlung erforderlich, die durch einen Neurologen verordnet und begleitet werden sollte.
Im September erschien die neue Patientenleitlinie zur Migräne: Neurologische Patienten-Leitlinien | Deutsche Hirnstiftung