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MammakarzinomDie positive Wirkung von Sporttherapie bei Brustkrebs

Patientinnen, die an Brustkrebs (Mammakarzinom) erkrankt sind, können mit einem angepassten Bewegungstraining ihre Lebensqualität verbessern. Davon ist Dr. Jutta Krocker, Chefärztin im Brustkrebszentrum am Sana Klinikum Lichtenberg, fest überzeugt. Aus diesem Grund hat sie eine eigene Walking-Gruppe initiiert und engagiert sich für mehr Lebensfreude im Alltag mit der Krebserkrankung.

Was hat Sie motiviert, eine medizinische Walking-Gruppe für Patientinnen mit Brustkrebs-Diagnose­ zu gründen?

Das hatte zwei Gründe: Der erste Grund war, dass ich selbst regelmäßig laufe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Laufen beziehungsweise Sport allgemein sowohl einen körperlich stärkenden als auch einen meditativen Effekt hat. Darüber hinaus wurde ich immer wieder von Patientinnen gefragt, was sie zusätzlich neben der medikamentösen Therapie tun können. Da Sport auch bei Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen einen stark vorbeugenden Effekt hat und die Lebensqualität verbessern kann, habe ich die Frauen anfangs einfach eingeladen, mit mir zusammen zu laufen.

Welchen Stellenwert hat Sport und Bewegung bei Krebserkrankungen, insbesondere bei Brustkrebs?

Studienergebnisse belegen, dass ein leichtes Ausdauertraining von mindestens 150 bis 180 Minuten pro Woche das progressionsfreie (also krankheitsfreie) Überleben nach einer Tumorerkrankung verlängert. Aber es gibt noch weitere Effekte: Durch die Krise, in die man durch die Erkrankung stürzt, wird wahrscheinlich enorm viel Energie und Disziplin freigesetzt. Der Wille, etwas im Leben zu verändern, ist dadurch bei vielen Patientinnen sehr stark. Sport zeigt hier einen Weg, etwas für sich selbst und seine Gesundheit tun zu können. Ein weiterer Aspekt ist die soziale Isolation, die viele Patientinnen durch die Tumorerkrankung erleben. Sport in der Gruppe sprengt diese Isolation und schafft ein Gemeinschaftsgefühl, Spaß und Freude. Auch wenn am Anfang vielleicht die Verpflichtung oder die Disziplin zur Termintreue im Vordergrund stehen. Zudem funktioniert die Sportgruppe wie eine Selbsthilfegruppe. Und das setzt viel positive Energie und Selbstvertrauen frei. Denn man ist unter Gleichgesinnten, hilft sich gegenseitig und hat gemeinsam Spaß.

Wie wirkt sich Sport positiv auf die Erkrankung oder Begleiterscheinungen der Krebstherapie aus?

In der Wissenschaft wird jetzt noch sehr kontrovers diskutiert, inwiefern Botenstoffe im Gehirn bei Fatigue oder Depression eine Rolle spielen, oder wie – im Fall einer Krebserkrankung – bestimmte Stoffe aus der Chemotherapie ins Spiel kommen. Belegt ist, dass der Körper durch Sport körpereigene Glückshormone (Endorphine) ausschüttet. Diese werden durch Bewegung und Tageslicht freigesetzt. Das passiert insbesondere bei Outdoor-Sportarten. Außerdem kurbeln die Endorphine unser Immunsystem an, das durch die Chemotherapie teilweise down reguliert wird.

Empfehlen Sie Patientinnen bereits während der Krebstherapie körperlich aktiv zu sein? Was müssen sie dabei beachten?

Eindeutig ja. Da alle Patientinnen ohnehin einen kardiologischen Gesundheitscheck im Rahmen einer onkologischen Therapie erhalten, kann die Ausdauertherapie entsprechend der Herzgesundheit angepasst werden. Wer kardiologisch gesund ist, kann auch unter einer Chemo- und/ oder Bestrahlungstherapie mit einem moderaten medizinischen Walken beginnen. Übelkeit, Unwohlsein oder insgesamt Abgeschlagenheit sind kein Hinderungsgrund. Das ist ja gerade das, was wir mit Bewegung behandeln wollen. Bei der Einführungsveranstaltung zu unserer Walking-Studie versuchen wir die Patientinnen erstmal zu motivieren. Das gilt besonders für diejenigen, die noch nie Sport getrieben haben. Wir sagen das, was Orthopäden heute auch sagen: Es ist nie zu spät. Haben Sie den Mut und fangen Sie an. Sie können jederzeit aussteigen, wenn Sie spüren, es hilft Ihnen nicht. Aber es ist bisher niemand ausgestiegen.

Gibt es Sportarten, die sich besonders gut für Brustkrebs-Patientinnen eignen? Wie häufig und wie intensiv sollte die körperliche Aktivität sein?

Ideal sind Outdoor-­Ausdauersportarten wie Walken, Laufen oder Radfahren. Auch unter einer Chemotherapie kann zumindest zeitweise eine gering erhöhte Infektionsgefahr bestehen. Deshalb werden Sportarten im Freien bevorzugt. Radfahren empfehlen wir vor allem für Patientinnen mit Gelenkerkrankungen, weil es sehr gelenkschonend ist. Walken ist sicher eine Bewegungsform, die in jedem Alter möglich ist. Natürlich angepasst an die körperlichen Fähigkeiten. Man benötigt nur wetterfähige Kleidung und Turnschuhe und schon kann es losgehen. Und wir empfehlen zusätzlich eine Pulsuhr zur Kontrolle der Herzfrequenz.

Bei welchen Nebenwirkungen sind Sport und Bewegung besonders wirkungsvoll?

Die Bewegung an der frischen Luft fördert einen erholsamen Schlaf und wirkt angstlösend. Herz und Lunge können den Körper zunehmend besser mit Sauerstoff versorgen und die körperliche Leistungsfähigkeit steigt. Frauen merken, dass sie bereits nach drei bis vier Trainingseinheiten eine längere Strecke schaffen und auch ihren Alltag leichter bewältigen können. Das Training wirkt sich dadurch positiv auf die Lebensqualität aus.

Haben Brustkrebs-Patientinnen die Möglichkeit, die Kosten für Sportprogramme von der Krankenkasse erstattet zu bekommen?

Die Kassen finanzieren eine verordnete Sporttherapie, allerdings nur als physiotherapeutische Leistung. Die Walking-Gruppe, die wir jetzt außerhalb der Studie betreiben, finanzieren wir ohne Beteiligung der Krankenkassen über ein soziales Netzwerk. Die Anmeldung und Teilnahme an allen dort angebotenen sportlichen Aktivitäten ist kostenlos.

Es ist nie zu spät anzufangen – auch wenn Sie bisher wenig oder gar keinen Sport getrieben haben. Jeder, der spazieren gehen oder seinen Haushalt bewältigen kann, ist auch in der Lage, ein leichtes Ausdauertraining zu absolvieren.

Kontakt

Dr. Jutta Krocker

Dr. Jutta Krocker

Chefärztin im Brustkrebszentrum, Sana Klinikum Lichtenberg

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