22. MS-Symposium: Therapieauswahl stand im Mittelpunkt
Klinik für Neurologie sorgte für informativen Austausch über Multiple Sklerose – Die Wahl der Therapie variiert je nach Lebensalter
Bereits zum 22. Mal lud die Klinik für Neurologie um Chefarzt PD Dr. Martin Winterholler und dem leitenden Oberarzt und zertifizierten „MS Specialist“ Dr. Heimo Stamm zum Multiple-Sklerose-Symposium ans Krankenhaus Rummelsberg ein. Im Mittelpunkt stand dabei die richtige Wahl der Therapie, abgestimmt auf Erkrankungsphase und Lebensalter. Je nachdem, ob jung oder alt bzw. nach Erkrankungsverlauf, variiert die Therapie der Multiplen Sklerose, kurz MS. Warum dies so ist, wurde beim Symposium deutlich.
PD Dr. Martin Winterholler und Martina Dismond von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, kurz DMSG, freuten sich über einen vollen Vortragssaal im Krankenhaus Rummelsberg und hießen die Teilnehmer willkommen. „Es ist ein großes Geschenk, dass wir dieses Symposium mittlerweile zum 22. Mal durchführen“, so Winterholler, der speziell die Zusammenarbeit mit der DMSG in der Region Mittelfranken lobte. „Die Selbsthilfe und der gemeinsame Austausch sind extrem wichtig. Ich freue mich, dass wir seit über zwanzig Jahren zusammenarbeiten." Dismond konnte das Lob nur zurückgeben und betonte, dass der Verband gemeinnützig und zu zwei Dritteln auch auf Spenden angewiesen sei.
Das „beste“ Medikament“ gibt es nicht
Für den informativen Part sorgte Dr. Heimo Stamm mit seinem Hauptvortrag, der sich dem Thema widmete, warum je nach Lebensalter eine unterschiedliche Herangehensweise von Nöten sei. „In jüngerem Lebensalter treten bei zumeist schubförmiger MS-Erkrankung Entzündungen zunächst an einzelnen Stellen auf und das Gehirn verfügt noch über eine relativ große Reservekapazität. Im Verlauf der Jahre und mit zunehmendem Alter gehen durch die schleichende Entzündung und ganz normale Alterungsprozesse immer mehr dieser Reserven verloren. Dadurch werden die Beschwerden der MS-Erkrankung, wie z.B. eine Gangstörung, zunehmend sichtbar.“ Bei jungen Patienten findet man vor allem Schübe, bei denen es zu relativ plötzlich auftretenden neurologischen Beschwerden – meist innerhalb weniger Tage – kommt. Bei älteren Patienten treten diese Schübe seltener auf, es steht dann häufiger ein sogenannter schleichender Verlauf („sekundäre Progredienz“) im Vordergrund. Die heutigen, vor allem anti-entzündlich wirksamen Immuntherapien wirken besonders gut bei jüngeren Erkrankten. Hier ist es das Ziel, Schübe zu verhindern und durch eine frühe und möglichst wirksame Therapie die langfristige Prognose der MS zu verbessern. Aber: das „beste“ Medikament gibt es nicht pauschal. „Für die Wahl des richtigen Medikaments gibt es viele Fragen zu berücksichtigen, wie z.B. Krankheitsaktivität, Vorerkrankungen oder Kinderwunsch“. Im Alter hingegen nimmt die Häufigkeit von Schüben ab und es steht „ein schleichender Verlauf im Vordergrund, so dass manche Patienten im Laufe der Jahre beispielsweise auf einen Gehstock angewiesen sind und die Gehstrecke abnimmt“, so Stamm. Für diese sogenannten progredienten Verläufe ist die Therapieauswahl aktuell relativ begrenzt. Eine weitere Herausforderung im Alter: „Auch das Immunsystem altert. Die Immunzellen können schlechter Neues lernen, als beim jüngeren Patienten. Daher wird man anfälliger für Infekte und das Risiko bei der Gabe von Medikamenten ist höher als bei jungen Patienten. Das Risiko für Infekte hängt bei MS-Patienten vor allem von zwei Faktoren ab: vom Alter und vom Ausmaß der Behinderung.“
Hoffnung machen neue Präparate
Als sogenannte Off-Lable-Therapie für progrediente Verläufe stellte Stamm zum einen regelmäßigen Cortisonstoßtherapien und zum anderen die Injektion von Cortison in den Spinalkanal vor. Beide Therapien kommen nur für ausgewählte Patienten bei Fehlen zugelassener Therapiealternativen infrage. Hoffnung für Patienten mit progredienter MS machen neue Präparate (derzeit noch nicht zugelassen und nur in Studien untersucht) wie Tolebrutinib oder Vidofludimus Calcium. In den USA wird mit einer baldigen Zulassung von Tolebrutinib gerechnet. Das Medikament hat in der HERCULES-Studie die Zunahme an Behinderung bei relativ fortgeschrittenen MS-Patienten bremsen können. „Allerdings kam es bei manchen Patienten zu einem starken Anstieg der Leberwerte, weswegen man diese mögliche Nebenwirkung im Falle einer Zulassung sorgfältig beobachten muss“, so Stamm.
Die Take-Home-Message am Ende des Vortrages war, dass sehr viel geforscht wird, es nicht die eine Master-Therapie und das Allheilmittel gibt, sondern immer eine individuelle Therapie gewählt werden muss. Umso früher mit der Therapie begonnen werde, umso günstiger ist der Langzeit-Verlauf der MS. „Dieses Bewusstsein bei einem Patienten zu schaffen, der gerade frisch MS diagnostiziert bekommen hat und der im Alltag noch keinerlei Probleme hat, ist unser täglicher Auftrag“, so Stamm. In Kleingruppen konnten die Teilnehmer in anschließenden Workshops verschiedene Thematiken vertiefen. „Fragen stellen, Antworten bekommen“, lautete das Motto bei der offenen Fragerunde von Heimo Stamm. Bei Martina Dismond ging es darum Despression und emotionale Belastung zu erkennen und zu bewältigen, Dr. Gebhard Weber widmete sich dem Thema Blasen- und Darmmanagement bei MS und Chefarzt Winterholler stellte die Ernährung inklusive Vitamin D in den Mittelpunkt seines Workshops. Begleitet wurde das Symposium von einer Messeausstellung. Jeder Betroffene hatte an diesem Tag den Eindruck, dass er in diesem Rahmen nicht nur gehört, sondern das ihm vor Ort auch geholfen werden kann. „Die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit ist entscheidend. Mit diesem Symposium tragen wir aktiv dazu bei“, so Winterholler. Wer das Symposium verpasst hat, kann auf dem YouTube-Kanal „Snapshotmultiplesklerose“ in kurzweiligen Videos einige der besprochenen Inhalte anschauen.
Gefragter Ansprechpartner und Mitinitiator des MS-Symposiums war Dr. Heimo Stamm, der Leiter der MS-Sprechstunde am Krankenhaus Rummelsberg.
Über das Krankenhaus Rummelsberg
Das Krankenhaus Rummelsberg, in der Trägerschaft der Sana Kliniken AG, verfügt über 350 Betten und ist südöstlich von Nürnberg gelegen. Das Lehrkrankenhaus der Universität Erlangen-Nürnberg ist in den Fachbereichen Orthopädie und Unfallchirurgie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Neurologie, Innere Medizin und Geriatrische Rehabilitation weit über die Grenzen der Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen hinaus bekannt und spezialisiert. Medizinische und pflegerische Fachkompetenz prägen die Arbeit im Krankenhaus Rummelsberg. Rund 13.000 stationäre und 23.000 ambulante Patienten werden hier jährlich versorgt. Zwischen 2023 und 2027 wird das bisherige Wichernhaus durch ein hochmodernes Klinikgebäude ersetzt. Die Baumaßnahme in Höhe von 150 Millionen Euro wird teilweise durch den Freistaat Bayern gefördert. Mehr Informationen unter www.krankenhaus-rummelsberg.de.