38 Grad im Kreis Pinneberg: Wenn Hitze zur Gefahr wird
Dr. Stefan Sudmann, Chefarzt der ZNA der Regio Kliniken, klärt auf und warnt vor zu viel Aktivität in der heißen Sonne
- So reagiert der Körper auf extreme Hitze
- Darum ist Sport bei hohen Temperaturen keine gute Idee
- Babys, Kleinkinder, Vorerkrankte und ältere Menschen sind besonders gefährdet
- Tipps: Was kann ich tun, um gut und gesund durch die heißen Tage zu kommen
Bis zu 38 Grad im Schatten. Das sind Hitzewerte, die wir normalerweise so in Norddeutschland nicht kennen. Laut Meteorologen könnten sie aber tatsächlich zum Wochenende auch im Kreis Pinneberg gemessen werden. Und so schön es ist, in die Sonne zu blinzeln, mit einem Eis in der Hand und einer Sonnenbrille auf der Nase: Für Natur, Mensch und Tier sind diese Temperaturen längst kein Sommermärchen mehr. Werte in dieser Größenordnung bedeuten für den menschlichen Körper eine extreme Belastung.
„38 Grad sind keine Wohlfühltemperatur und schon gar kein normales Sommerwetter“, sagt Dr. Stefan Sudmann, Chefarzt im Zentrum für Notfall- und Akutmedizin (ZNA) der Regio Kliniken „Aus medizinischer Sicht sprechen wir über eine Situation, in der das Risiko für ernsthafte gesundheitliche Probleme deutlich steigt.“
Tatsächlich beginnt der menschliche Körper schon deutlich früher zu kämpfen. Seine ideale Kerntemperatur liegt bei etwa 37 Grad. Doch bereits bei deutlich niedrigeren Außentemperaturen (ab 25 Grad) wird es zunehmend schwieriger, überschüssige Wärme abzugeben. Je näher die Umgebungstemperatur tatsächlich an die Körpertemperatur kommt, desto kritischer wird die Situation.
„Der Körper verfügt über ein ausgeklügeltes Kühlsystem“, erklärt Sudmann. „Die Blutgefäße erweitern sich, die Haut wird stärker durchblutet und wir beginnen zu schwitzen. Die Verdunstung des Schweißes sorgt normalerweise dafür, dass Wärme abgeführt wird. Doch bei extremer Hitze stößt dieser Mechanismus irgendwann an seine Grenzen.“
Die Folgen können sogar lebensgefährlich sein: Sie reichen von Kopfschmerzen und Schwindel über Muskelkrämpfe, Müdigkeit und Verwirrtheit bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen oder Blutdruckabfall mit einem lebensgefährlichen Kreislaufkollaps.
Erste Symptome: Müdigkeit und Konzentrationsprobleme
Viele Menschen merken allerdings zunächst nur, dass sie schneller müde sind. Das ist kein Zufall. Der Körper arbeitet auf Hochtouren, um die Temperatur zu regulieren. Das Herz schlägt schneller, der Kreislauf wird stärker belastet und gleichzeitig geht über das Schwitzen viel Flüssigkeit verloren. Dr. Sudmann: „Hier reicht schon ein relativ kleiner Flüssigkeitsverlust von ein bis zwei Prozent des Körpergewichts, damit Konzentration und Leistungsfähigkeit nachlassen.“
Besonders problematisch sind mehrere heiße Tage hintereinander, wenn auch die Nächte nicht mehr ausreichend abkühlen. Dann fehlt dem Körper die notwendige Erholungsphase. Dr. Sudmann. „Der Körper kann sich nur begrenzt anpassen. Wenn die Wohnung dauerhaft aufgeheizt bleibt und man schlecht schläft, fehlt die Regeneration.“
Größte Gefahr: Hitzschlag
Am gefährlichsten ist der sogenannte Hitzschlag (nicht-kompensierbare Hyperthermie). Dabei steigt die Körperkerntemperatur auf über 40 Grad an, das körpereigene Kühlsystem versagt. „Ein Hitzschlag ist ein absoluter Notfall“, betont der Chefarzt der ZNA. „Die Betroffenen können verwirrt wirken, aggressiv werden, das Bewusstsein verlieren oder Krampfanfälle entwickeln. Ohne schnelle medizinische Hilfe drohen schwere Organschäden.“
Wichtig: Der Hitzschlag trifft nicht nur ältere oder vorerkrankte Menschen. Auch junge, sportliche und gesunde können betroffen sein, etwa bei körperlicher Anstrengung in der prallen Sonne.
Sport bei extremer Hitze: Bitte nicht!
Sollte man dann bei extremen Temperaturen überhaupt noch Sport treiben? „Bei 38 Grad im Schatten ist das sicherlich keine gute Idee – schon gar nicht in der prallen Mittagssonne“, so Dr. Stefan Sudmann: „Wer dann joggen geht oder intensive Trainingseinheiten absolviert, setzt seinen Körper einem ernsthaften Risiko aus!“. Der Grund: Der Körper produziert bei körperlicher Aktivität zusätzlich enorme Mengen an Wärme, die ebenfalls abgeführt werden müssen. Bei extremer Hitze wird selbst ein lockerer Lauf, eine nette Radtour oder Kicken auf dem Bolzplatz, also Aktivitäten, die bei 25 Grad problemlos zu schaffen sind, zur gefährlichen Belastungsprobe.
Wer trotzdem nicht auf Bewegung verzichten möchte, sollte möglichst früh morgens oder spät abends loslegen, nur langsam trainieren und auf Warnzeichen wie Schwindel, Übelkeit, ungewöhnlich hohen Puls, Kopfschmerzen oder Muskelkrämpfe achten.
Besonders gefährdet: Babys, Kleinkinder, Vorerkrankte und ältere Menschen
Besonders gefährdet sind in den kommenden Tagen ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder, Herz- und Lungenpatienten, Diabetiker, Schwangere sowie Menschen, die im Freien arbeiten. „Gerade bei Säuglingen und älteren Menschen kippt der Wasserhaushalt bei einer derartigen Hitze manchmal extrem schnell“, warnt Dr. Sudmann. „Die Körper von Babys und Kleinkinder können die Temperatur noch nicht so gut regulieren. Deshalb sollten Eltern jetzt ganz besonders darauf achten, ihnen ausreichend Flüssigkeit anzubieten.“
Auch bei älteren Menschen arbeitet die körpereigene Temperaturregulation oft nicht mehr effektiv: Der natürliche Abkühlungsprozess, das Schwitzen, setzt bei ihnen in der Regel später und in geringerem Maße ein. Dadurch ist die Abgabe von Wärme über die Haut erschwert. „Viele ältere Menschen trinken außerdem zu wenig, ihr Durstgefühl ist weniger ausgeprägt“, erklärt Dr. Sudmann. „Sie dehydrieren in der Folge deutlich schneller und kommen mit Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bewusstseinsstörungen oder einer Nierenschwäche zu uns. Oft können wir den Patienten und Patientinnen durch einen intravenösen Flüssigkeitsausgleich schnell helfen.“
Tipps bei Hitze – vor allem viel Trinken
Damit es soweit erst gar nicht kommt, rät der Mediziner:
Viel trinken: Erhöhen Sie Ihre Trinkmenge und greifen Sie lieber zu lauwarmen als zu gekühlten Getränken. Und fangen Sie damit direkt morgens an – ein bis zwei Gläser Wasser nach dem Aufstehen gleichen den Flüssigkeitsverlust durch nächtliches Schwitzen aus. Auf Alkohol sollten Sie besser verzichten. Bei Hitze kann der Körper ihn schlechter verarbeiten, Alkohol wirkt schneller und intensiver. Zudem erweitern sich die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt und das Risiko für einen Kreislaufkollaps steigt.
Leichtes Essen: Deftige und fettige Gerichte zu verdauen, strengt den Körper zusätzlich an. Setzen Sie deshalb lieber auf leichte Kost wie Salate und Gemüsesuppen. Lebensmittel wie Wassermelonen, Gurken oder Tomaten versorgen den Körper zusätzlich mit Flüssigkeit.
Lüften: Wann immer die Temperaturen draußen geringer sind als drinnen, heißt es: Fenster auf! So lassen sich die Wohnung in der Nacht und der Arbeitsplatz in den frühen Morgenstunden so gut wie möglich für den nächsten Tag herunterkühlen. Alternativ verschaffen auch Kühlpads, etwa im Nacken oder auf den Handgelenken etwas Abkühlung.
Lockere, luftige Kleidung tragen: Enge Kleidung lässt keine Luft an die Haut und vermindert den Kühleffekt beim Schwitzen. Deshalb lieber zu lockeren Hemden und Blusen sowie weit geschnittenen Hosen und Röcken aus hellen Naturfasern wie Leinen oder Baumwolle greifen. Ebenfalls sinnvoll: ein Hut – am besten mit breiter Krempe. Das schützt Kopf und Gesicht.
Achten Sie auf ältere Angehörige, Nachbarn oder Freunde. Viele Menschen bemerkten die Folgen von Flüssigkeitsmangel erst, wenn bereits Kreislaufprobleme oder Erschöpfung auftreten. Alarmzeichen sind: Verwirrtheit und Schwindel. Bei starker Luftnot, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen oder Bewusstlosigkeit sollte sofort der Rettungsdienst verständigt werden.
Dr. Sudmann: „Wir sprechen hier nicht über einen etwas wärmeren Sommertag. 38 Grad sind eine gesundheitliche Belastung, die man ernst nehmen muss. Passen Sie bitte auf sich auf.“
Dr. Stefan Sudmann, Chefarzt im Zentrum für Notfall- und Akutmedizin (ZNA) der Regio Kliniken
Über die Regio Kliniken GmbH
Die zu Sana gehörenden Regio Kliniken Pinneberg und Elmshorn versorgen mit derzeit rund 2.300 Mitarbeitenden die Bevölkerung im Kreis Pinneberg, westlich von Hamburg. Zu den Regio Kliniken gehören zwei Krankenhäuser mit insgesamt 767 Betten und ambulanten Bereichen, Medizinische Versorgungs-Zentren (MVZ), Reha-Einrichtungen, ein Bildungszentrum, ein Hospiz sowie ein Altenheim. Die Regio Kliniken sind ein innovatives und sehr dynamisches Unternehmen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den dringend notwendigen Wandel im Gesundheitswesen aktiv anzugehen. Unsere Vision, Menschen zu stärken, prägt unser Handeln. Durch unsere hohe Kompetenz sowie individuell ausgerichtete Behandlung und Fürsorge wachsen Gesundheit und Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten. Basis hierfür ist eine moderne und menschenzugewandte Unternehmenskultur mit vielen Möglichkeiten zur Gestaltung und Persönlichkeitsentfaltung.