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Adipositas: Neudefinition eines ernsten Gesundheitsproblems
Anfang des Jahres stellte eine internationale Expertenkommission einen neuen, nuancierten Ansatz zur Diagnose der Adipositas vor. Zusätzlich zum Body-Mass-Index, dem BMI, werden auch andere Messgrößen für überschüssiges Körperfett zur Beurteilung hinzugezogen. Dazu gehören unter anderem der Taillenumfang oder die Bestimmung des Körperfettanteils. Zudem sind auch Anzeichen und Symptome von Erkrankungen relevant.
Dr. Sylvia Weiner ist Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie Chefärztin des Adipositaszentrums am Sana Klinikum Offenbach. Sie begrüßt den Ansatz: „Ich finde es sehr wichtig, das Krankheitsbild Adipositas differenzierter zu betrachten. Die Fokussierung auf den BMI ist zu kurz gedacht und wird der Vielschichtigkeit des Problems überhaupt nicht gerecht. Die ganzheitliche Perspektive auf das Krankheitsbild sowie die konservative Therapie haben für uns allerdings bereits seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert.“
Problem der bisherigen Definition
Bisher orientierten Mediziner sich oftmals nur an der Gewichtsklassifikation anhand des BMI. Für dessen Berechnung wird das Körpergewicht in ein Verhältnis zur Körpergröße gesetzt. Ab einem BMI von 30 sprach die Fachwelt bisher von einer Adipositas Grad I, gefolgt von weiteren Stufen für die Einteilung des Schweregrads. Die bisherige Klassifikation basierte also lediglich auf den Kriterien Gewicht und Größe. „Das Problem bei dieser begrenzten Betrachtungsweise war, dass das individuelle Gesundheitsproblem der Betroffenen mit dieser Einteilung überhaupt nicht berücksichtigt wurde“, erklärt die Adipositasexpertin. „Diese spezielle Betrachtungsweise ist jedoch sehr wichtig. Zwei adipöse Menschen mit einem BMI von 32 können einen sehr unterschiedlichen Gesundheitszustand aufweisen und brauchen daher auch unterschiedliche Therapieansätze“, so Sylvia Weiner weiter.
Zwei neue Kriterien für die Diagnose
Zusätzlich zum BMI sollen nach den Empfehlungen der Kommission nun weitere Kriterien wie der Taillenumfang und die Bestimmung des Körperfettanteils für die Diagnose herangezogen werden. Noch viel wichtiger ist jedoch die bessere Abstimmung der Therapie auf die körperlichen Symptome. Die Expertengruppe schlägt deshalb folgende Einteilung vor:
- Klinische Adipositas, das heißt eine chronische Erkrankung mit Funktionsstörungen der Organe, die alleine auf die Adipositas zurückgehen.
- Präklinische Adipositas, das heißt das Vorliegen eines Gesundheitsrisikos durch überschüssiges Körperfett, aber keine damit verbundenen Erkrankungen.
Sylvia Weiner erklärt: „Das ist alles richtig und wichtig, aus meiner Sicht aber auch nicht ganz neu. Bei alleiniger Betrachtung des BMI kann es sowohl zu einer Über- als auch zu einer Unterdiagnostik kommen. Im ersten Fall werden Menschen mit überschüssigem Körperfett aber ohne gesundheitliche Probleme unnötig zu Patienten gemacht. Im zweiten Fall werden möglicherweise Menschen mit einem ernsten Gesundheitsproblem nicht erkannt, weil sie sich gerade noch unter der BMI-Grenze für Adipositas befinden. Beides ist ein Problem.“
Vielfältige Ursachen erfordern differenzierte Therapie
Die Ursachen für Adipositas sind vielfältig. Aus der Forschung ist bekannt, dass es genetische Faktoren gibt, die zur Entwicklung einer Adipositas beitragen. Daher ist es aus Sicht der Adipositasexpertin aus Offenbach auch falsch, übergewichtige Menschen vorschnell als faul und willensschwach zu stigmatisieren. Adipositas entsteht häufig durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: „Neben einer genetischen Veranlagung spielen auch die Umwelt mit einem Überangebot an ungesunden Lebensweisen und das Verhalten eine wichtige Rolle. Gerade zu Beginn lässt sich mit Ernährung, Coaching und Bewegung sehr viel erreichen“, betont die Ärztin. In manchen Fällen können auch Medikamente hilfreich sein, um Folgeerkrankungen der Adipositas vorzubeugen. Die Wirkstoffe in den Präparaten reduzieren den Appetit, verstärken das Sättigungsgefühl und verlangsamen die Entleerung des Magens. „Eine medikamentöse Therapie muss immer ärztlich verordnet und von einer Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie begleitet werden“, so Weiner, „ohne eine Veränderung des Lebensstils geht es nicht.“
Bei ernsthaften Gesundheitsproblemen und Folgeerkrankungen durch Adipositas sowie Ausschöpfen konservativer Möglichkeiten gibt es für Patienten zudem die operativen Möglichkeiten der bariatrischen Chirurgie. „Am besten ist es jedoch, wenn wir die Menschen schon in einem frühen Stadium der Erkrankung identifizieren und die richtige Therapie einleiten, sodass wir erst gar nicht über chirurgische Maßnahmen reden müssen“, erklärt die Fachärztin.
Die vollständige Publikation der Expertenkommission finden Sie hier.