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Ismaning,
04
Juni
2024
|
08:00
Europe/Amsterdam

Chronische Schmerzen: Mit Bewegung und Manueller Therapie gegen das Chaos im Hirn

Zusammenfassung

Dauern Schmerzen länger als drei bis sechs Monate, gelten sie als chronisch. Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild, das eine Therapie durch ein Team von Schmerzspezialisten mit verschiedenen Maßnahmen erfordert. Experten sprechen daher von einem interdisziplinären, multimodalen Konzept. Körperliche Bewegung und Manuelle Therapie sind dabei wichtige Bausteine. 

Dr. med. Stephan Vinzelberg, Sana Klinikum Lichtenberg

„Aus der Schmerzforschung wissen wir, dass die Verarbeitung von Reizen im Körper nicht mehr richtig funktioniert, erklärt Dr. med. Stephan Vinzelberg, Chefarzt der Klinik und Tagesklinik für Manuelle Medizin am Sana Klinikum Lichtenberg: „Bei den Betroffenen kommt es zum Beispiel zu einer verminderten körpereigenen Schmerzhemmung. Das kann so weit gehen, dass Patienten schon durch leichte Berührungen oder Bewegungsreize Schmerzen erleiden.“ 

Chronische Schmerzen sind das Ergebnis eines langen Krankheitsverlaufs mit vielen Einflussfaktoren. Dazu gehören zum Beispiel Verletzungen, Schmerzerfahrungen, frühere körperliche Aktivität, das individuelle Schmerzerleben, die eigene Bewertung der Beschwerden, das aktuelle Bewegungsverhalten, Strategien zur Schmerzbewältigung und vieles mehr.  Das Gesundheitsproblem “Schmerz” ist komplex, daher gibt es keine einfache Lösung dafür. 

Die Kombination ist der Schlüssel zum Erfolg 

Bewegung und Sport sind nicht nur gut fürs Herz und für die Skelettmuskeln, sondern wirken sich zum Beispiel auch positiv auf die Gehirnaktivität aus, unter anderem auf die körpereigene Schmerzhemmung. Dr. med. Stephan Vinzelberg hat sich intensiv mit aktuellen Forschungsergebnissen auseinandergesetzt und hebt hervor: „Es ist wichtig, aktive und passive Behandlungsformen sinnvoll miteinander zu kombinieren. Manuelle Therapie oder Massage gänzlich aus dem Behandlungsplan zu streichen, ist nicht zielführend und entspricht auch nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. 

Wichtig ist, dass die aktive Therapie sowie die Begleitung hin zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil im Vordergrund stehen. Passive Maßnahmen sollten dabei zur Vorbereitung auf Übungen beziehungsweise begleitend zu körperlicher Aktivität zum Einsatz kommen.“ 

Weniger Angst vor Bewegung 

Neue Forschungsergebnisse unterstützen diesen Ansatz. US-Wissenschaftler untersuchten beispielsweise in einer aktuellen Studie 176 Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen im Durchschnittsalter von 71 Jahren über einen Zeitraum von drei Monaten. Die Patienten füllten vor und nach einer zwölfwöchigen Therapiephase verschiedene Fragebögen zu körperlichen Einschränkungen, Bewegungsangst und zum Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, also zur Selbstwirksamkeit aus. Das Forschungsteam fand heraus, dass gezielte Übungen in Kombination mit manueller Therapie zur Verbesserung von Selbstwirksamkeit und Bewegungsangst wirksamer sind, als Übungen in Kombination mit anderen nicht-medikamentösen Behandlungen. 

Eine weitere wissenschaftliche Untersuchung beschäftigte sich mit der Frage, inwiefern sich eine manualtherapeutische Behandlung bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen auf erwartete Schmerzen und Bewegungsangst auswirkt. Dazu wurden 15 Patienten und 16 gesunde Personen in die Studie aufgenommen. Die Wissenschaftler nutzten die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zur Bildgebung und schauten den Gehirnen der Studienteilnehmer quasi bei der Arbeit zu. 

Die Studienleiter zeigten den Patienten und den Gesunden Videos mit rückenbelastenden oder neutralen Übungen und erklärten, dass diese Übungen hinterher aktiv durchgeführt werden müssten. Dieses Procedere wurde dann in einem weiteren Termin nach der Anwendung manualtherapeutischer Maßnahmen noch einmal wiederholt. Interessant war, dass manuelle Therapie – unabhängig von der angewandten Technik – nicht nur zu einer Schmerzreduktion bei den Patienten führte, sondern auch die Schmerzerwartung und die Angst vor Bewegung abnahmen. Zudem zeigte der Blick in den Kopf der Probanden, dass die Therapie positive Auswirkungen auf die Aktivität in verschiedenen Gehirnbereichen hat. 

Sana-Schmerzexperte Stephan Vinzelberg fasst zusammen: „Bewegung ist kein Grund für Angst vor Schmerz, sondern insbesondere in Kombination mit Manueller Therapie ein wirksames Mittel gegen den Teufelskreis aus Inaktivität und Schmerz. Das müssen wir unseren Patienten immer wieder vor Augen führen.“ 
 

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