Coburg,
18
Juni
2026
|
13:03
Europe/Amsterdam

Lungenfibrose - Wenn die Lunge vernarbt und eine neue Lunge Leben rettet

Ein Interview mit Prof. Dr. med. Zsolt Sziklavari, PhD, Leiter des Lungenzentrums und Chefarzt am Sana Klinikums Coburg

Zusammenfassung
  • Tückische Lungenfibrose: eine fortschreitende Vernarbung des Lungengewebes macht die Lunge starr und führt zu Atemnot. Die frühen Symptome sind oft unscheinbar.
  • Eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich, aber antifibrotische Medikamente verlangsamen den Verlauf; bei entzündlichen Formen kann eine Therapie aus Immunsuppression; ergänzt durch Atemtherapie, Bewegung und ggf. Langzeitsauerstoff Linderung verschaffen.
  • Eine Lungentransplantation gilt als streng selektierte Ultima Ratio bei fortschreitender Erkrankung und ausreichender körperlicher Fitness. Aber: Spenderorgane sind selten, die Operation komplex und eine lange Nachsorge in spezialisierten Zentren notwendig.
  • Lungenzentrum und Thoraxchirurgie am Sana Klinikum Coburg bieten ein breites Spektrum (inkl. da-Vinci-Robotik) auf höchstem Niveau und sichern eine wohnortnahe Versorgung für Nordbayern und Südthüringen.

Die Nachricht ging um die Welt: Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat eine Lungentransplantation erfolgreich überstanden. Die 52-Jährige litt seit Jahren an einer schweren Lungenfibrose – einer Erkrankung, die vielen Menschen kaum bekannt ist, obwohl sie das Leben der Betroffenen von Grund auf verändert. Der Experte des Lungenzentrums am Sana Klinikum Coburg gibt Antworten auf die Fragen: Was genau ist eine Lungenfibrose? Und wann ist eine Transplantation wirklich der letzte, aber rettende Schritt?

Frage: Herr Professor Sziklavari, Lungenfibrose ist plötzlich in aller Munde – was passiert da eigentlich in der Lunge?

Prof. Sziklavari: Stellen Sie sich die Lunge wie einen Schwamm vor, der aus unzähligen kleinen Luftbläschen besteht und sich bei jedem Atemzug ausdehnt und zusammenzieht. Bei der Lungenfibrose vernarbt das feine Stützgerüst dieses Schwammes – ähnlich wie bei einer tiefen Hautwunde, die eine derbe Narbe hinterlässt. Das Gewebe wird zunehmend starr und dick. Die Folge: Der Schwamm kann sich nicht mehr richtig ausdehnen, die Atmung wird flacher, der Sauerstoff gelangt nur noch schwer ins Blut. Das ist ein schleichender, in den meisten Fällen unumkehrbarer Prozess.

Frage: Wen trifft diese Erkrankung – und warum wird sie so oft spät erkannt?

Prof. Sziklavari: Lungenfibrose ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Sammelbegriff für über 200 verschiedene Erkrankungen. Die bekannteste Form ist die sogenannte idiopathische pulmonale Fibrose – kurz IPF – bei der wir die genaue Ursache nicht kennen. Sie trifft etwa drei bis neun von 100.000 Menschen, meist im höheren Lebensalter. Es gibt aber auch Formen, bei denen der Auslöser bekannt ist: eingeatmete Schadstoffe wie Asbest, Bestrahlungen im Brustkorb oder rheumatische Erkrankungen.

Spät erkannt wird die Lungenfibrose, weil die frühen Warnsignale so unscheinbar sind: ein trockener Husten, Atemnot beim Treppensteigen – das schieben viele auf Alter oder mangelnde Fitness. Meine dringende Empfehlung: Wer länger als sechs Wochen unter hartnäckigem, trockenem Husten oder zunehmender Kurzatmigkeit leidet, sollte das abklären lassen. Beim Abhören der Lunge hören wir oft ein feines Knisterrasseln, das klingt in etwa so, als würde man einen Klettverschluss auseinanderziehen. In der Computertomografie lässt sich die Vernarbung dann meist eindeutig sichtbar machen.

Frage: Gibt es eine Behandlung – oder ist man der Erkrankung hilflos ausgeliefert?

Prof. Sziklavari: Wir sind längst nicht mehr machtlos, auch wenn eine vollständige Heilung der IPF derzeit nicht möglich ist. Seit einigen Jahren stehen uns sogenannte antifibrotische Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Vernarbung deutlich verlangsamen können. Sie sind kein Wundermittel, aber sie bremsen den Prozess – und das verschafft den Patienten oft wertvolle, lebenswerte Jahre. Bei entzündlich bedingten Fibroseformen, etwa durch Rheuma, setzen wir auf immunsuppressive Therapien. Ergänzend sind Atemtherapie, angepasste Bewegung und – bei chronischem Sauerstoffmangel – eine Langzeitsauerstofftherapie wichtige Bausteine. Die Behandlung ist immer individuell und erfordert ein erfahrenes, interdisziplinäres Team.

Frage: Wann ist eine Lungentransplantation überhaupt eine Option?

Prof. Sziklavari: Die Transplantation ist die Ultima Ratio – das letzte therapeutische Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Sie kommt in Betracht, wenn die Erkrankung trotz optimaler Therapie unaufhaltsam fortschreitet, die Lungenfunktion auf ein kritisches Maß absinkt und die Lebensqualität massiv eingeschränkt ist. Dieser Weg ist jedoch an strenge Bedingungen geknüpft: Der Patient mit maximal eingeschränkter Lungenfunktion muss jedoch körperlich fit genug für diesen sehr großen Eingriff sein – und zugleich bereit und in der Lage, lebenslang Medikamente einzunehmen, die das Immunsystem unterdrücken, um eine Abstoßung der neuen Lunge zu verhindern.

Frage: Was macht diese Operation so besonders und auch schwierig?

Prof. Sziklavari: Die Lungentransplantation ist einer der komplexesten Eingriffe der Thoraxchirurgie bzw. Intensivmedizin überhaupt. Ein oder beide Lungenflügel vollständig zu ersetzen ist eine technisch höchst anspruchsvolle Operation, die zudem eine intensive Nachbetreuung über viele Monate notwendig macht. Hinzu kommt die schicksalhafte Seite: Spenderlungen sind rar. Über einen Eingriff wird deshalb oft sehr kurzfristig entschieden – manchmal innerhalb weniger Stunden, sobald ein geeignetes Organ verfügbar ist. Für die Patienten und ihre Familien bedeutet das häufig eine lange Zeit der Ungewissheit und des Wartens. Lungentransplantationen werden in Deutschland nur an wenigen hochspezialisierten Zentren durchgeführt – das ist medizinisch richtig und notwendig, da dieser Eingriff ein Maß an Erfahrung und Infrastruktur erfordert, das nur Häuser mit sehr hohen Fallzahlen entwickeln können.

Frage: Was leistet die Thoraxchirurgie am Sana Klinikum Coburg – und wo sind die Grenzen?

Prof. Sziklavari: Wir bieten das gesamte operative Spektrum der Thoraxchirurgie auf höchstem Niveau – von minimalinvasiven Eingriffen bei Lungentumoren über Metastasenchirurgie bis hin zu komplexen Resektionen inkl. Empyhsem- und Empyemchirurgie. Seit 2026 setzen wir auch die robotisch-assistierte Chirurgie mit dem daVinci-System ein, die Ergebnisse sind vielversprechend. Mit jährlich rund 500 Eingriffen sind wir eines der größten thoraxchirurgischen Zentren in Oberfranken und das einzige von der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie zertifizierte Kompetenzzentrum in Nordbayern und Südthüringen.

Lungentransplantationen – das sage ich offen – führen wir nicht durch. Wir sind aber ein wichtiger Teil der Versorgungskette: Wir begleiten Patienten auf dem Weg zur Transplantation, koordinieren mit den Transplantationszentren, wie beispielsweise mit dem LMU Klinikum Großhadern, und übernehmen die weitere Betreuung in der Region, wenn Patienten nach einer Transplantation nach Hause zurückkehren.

Frage: Haben Sie einen Rat für Menschen in der Region, die vielleicht selbst betroffen sind?

Prof. Sziklavari: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt – und zwar frühzeitig. Eine Lungenfibrose, die früh erkannt wird, lässt sich zwar nicht heilen, aber gut behandeln. Die Lebensqualität, die wir Betroffenen heute erhalten können, ist eine andere als noch vor zehn Jahren. Und wenn es einen operativen Schritt braucht – welcher Art auch immer – sind wir da. Als zertifiziertes Kompetenzzentrum, als eingespieltes Team, und als Partner der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen in der Region. Wer in Nordbayern oder Südthüringen eine schwere Lungenerkrankung kann durch uns wohnortnah und adäquat versorgt werden.

Das Lungenzentrum am Sana Klinikum Coburg bietet spezialisierte Diagnostik und Therapie für alle Formen von Lungenerkrankungen. Termine und Informationen: Telefon 09561 22-34999 | www.sana.de/oberfranken

Dr.Sziklavari_Zsolt_0967

Bild: Chefarzt der Thoraxchirurgie und Leiter des Lungenzentrums Prof. Dr. Zsolt Sziklavari, PhD (Copyright: SKOF)