„Organspendebereitschaft ist eine Entscheidung für das Leben“
• Am 1. Juni ist bundesweiter Tag der Organspende.
• Oberarzt Thomas Schneider vom Zentrum für interdisziplinäre Intensivmedizin und Anästhesie der Sana Kliniken Niederlausitz ist Transplantationsbeauftragter des Gesundheitsversorgers.
• Intensivmediziner erklärt im Interview, was potenzielle Spender wissen sollten, wie man zum Spender werden kann und für welche Organe die Wartelisten besonders lang sind
Herr Schneider, tausende Menschen in Deutschland benötigen dringend ein Spenderorgan. Wie und wo kann man sich registrieren lassen, wenn man selbst Organspender werden möchte?
In Deutschland gilt die sogenannte „Entscheidungslösung“. Alle Menschen sollen sich also nach Möglichkeit selber entscheiden, ob sie nach dem festgestellten Tod spenden möchten oder nicht – und sollten dies auch dokumentieren. Das kann man z.B. mit dem Organspendeausweis, mit einer Registrierung im Organspenderegister, das seit März 2024 freigeschaltet ist, oder zumindest, indem man seinen nächsten Angehörigen den eigenen Wunsch äußert. Im Ausweis und im Register kann man auch sicher dokumentieren, dass man eben nicht spenden möchte. Dieser Wunsch ist verbindlich für die Ärzte.
Wie wird man zum Organspender?
Grundvoraussetzung für eine Organspende ist, dass man zuvor den irreversiblen – also unumkehrbaren - Ausfall aller Hirnfunktionen festgestellt hat. Dies gleicht der Feststellung des Todes, auch wenn Organfunktionen noch für eine gewisse Zeit durch Maschinen aufrechterhalten werden können. Ohne eine Zustimmung zur Organspende, wird es aber niemals zu einer Organentnahme kommen.
Warum sind Organspenden wichtig?
Es gibt in Deutschland weiterhin mehr Menschen, die ein Spenderorgan benötigen als Organe verfügbar sind. Annähernd 10 Prozent aller Wartenden versterben jedes Jahr, nur weil kein Organ für sie gefunden wird. Diejenigen, die weiter warten, haben meist eine deutlich reduzierte Lebensqualität und benötigen z.B. Organersatzverfahren wie die regelmäßige Dialyse (Nierenersatztherapie) oder müssen ein „Kunstherz“ mit sich tragen. Diesen Menschen könnte zeitnah geholfen werden, wenn man für sie rechtzeitig ein Spenderorgan findet.
Was passiert nachdem Tod, wenn man sich für das Organspenden entschieden hat?
Wenn der „irreversible Hirnfunktionsausfall“ sicher diagnostiziert wurde und eine klare Zustimmung zur Organspende vorliegt, dann wird geprüft, ob es wichtige Gründe gegen eine Organspende gibt – z.B. ein aktives Krebsleiden. Das Alter allein ist aber kein Gegengrund. Dann erfolgen einige Untersuchungen zur Funktion der Organe und zu Merkmalen im Blut und Abwehrsystem des Spenders, um spätere Abstoßungsreaktionen beim potenziellen Empfänger von vornherein zu vermeiden. Die Entnahme der Organe erfolgt dann im OP-Saal von spezialisierten Teams, die extra anreisen. Nach der Entnahme wird der Körper gut versorgt, sodass einer normalen Aufbahrung und Beerdigung nichts im Wege steht.
Wo können sich Interessierte beraten lassen?
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zur Beratung. Auch beim Hausarzt ist dies möglich. Wer sich online belesen möchte, dem kann man die Infoseite der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ (organspende-info.de) empfehlen, wo man sich auch Infomaterial für jeden Vorwissensstand zuschicken lassen kann. Die „Deutsche Stiftung Organtransplantation“ (dso.de) bietet auch umfängliche Infos und insbesondere für Interessierte mit Vorwissen tiefgehende Details.
Wie viele Organtransplantationen gibt es jährlich in Deutschland?
Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 965 Organspender, die insgesamt 2877 Organe gespendet haben. Mehr als die Hälfte davon sind Nieren, dann folgt die Leber und zu gleichen Anteilen Lunge und Herz (jeweils etwa 300). Die Bauchspeicheldrüse und auch selten Darm werden zu geringen Anteilen gespendet.
Für welche Organe sind die Wartelisten besonders lang?
Die Vergabe der Organe erfolgt nach einem komplexen Ablaufschema - je nach Verfügbarkeit von Spenderorganen, Verträglichkeit der Blutgruppenmerkmale und Dringlichkeit kann es nach wenigen Tagen zur Spende kommen oder bis zu zehn Jahre dauern. Insbesondere Nieren werden wesentlich häufiger benötigt, als sie verfügbar sind. Mit einer Dialyse-Therapie kann man aber viele Jahre überleben. Auch die modernen Kunstherzen ermöglichen eine etwas längere Überbrückungszeit. Den akuten Ausfall der Leber- oder Lungenfunktion kann man nur kurzfristig überbrücken, sodass solche Patienten als sehr dringlich“ („high urgency“) gelistet werden und nach Möglichkeit zeitnah ein Organ erhalten. Aus der Gruppe der Wartenden auf eine Leber oder ein Herz versterben jährlich jedoch 15 bis 20 Prozent.
Wie viele Organspenden gab es in den Sana Kliniken Niederlausitz in den vergangenen beiden Jahren?
In den Jahren 2022 und 2023 gab es jeweils eine Organspende an den Sana Kliniken Niederlausitz. Potenzielle Spender hatten wir deutlich mehr. Bei mehr als fünf Patienten in jedem Jahr konnten wir den „irreversiblen Hirnfunktionsausfall“ diagnostizieren. Eine Spende erfolgte anschließend meistens nicht, weil der Wille des Verstorbenen nicht bekannt war.
Was raten Sie Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen?
Jeder Mensch sollte zu Lebzeiten für sich eine Entscheidung treffen, ob er oder sie Organe nach dem Tod spenden möchte oder nicht und diesen Wunsch auch dokumentieren. Am besten schriftlich (Organspendeausweis, Patientenverfügung, …) oder im Organspenderegister. In jedem Fall sollte man mit seinen nächsten Angehörigen darüber reden. Diese müssen nämlich im Zweifel eine Entscheidung mittragen, was eine enorme Belastung darstellen kann.
Warum ist eine bewusste Entscheidung aus Ihrer Sicht so wichtig?
Eine Entscheidung zu Lebzeiten entlastet die Hinterbliebenen vom Druck, entscheiden zu müssen. Eine bewusste und fundierte Entscheidung gegen eine Spende ist besser als keine Entscheidung getroffen zu haben. Wir reduzieren die Anzahl derjenigen, die spenden würden, aber ihren Willen nicht dokumentiert oder an die Angehörigen weitergegeben haben. Und eines sollte jedem bewusst sein: Organspendebereitschaft ist eine Entscheidung für das Leben.
Oberarzt Thomas Schneider vom Zentrum für interdisziplinäre Intensivmedizin und Anästhesie der Sana Kliniken Niederlausitz ist Transplantationsbeauftragter des Gesundheitsversorgers.
Über die Sana Kliniken Niederlausitz
Unter dem Dach der Sana Kliniken Niederlausitz vereinen sich 14 Kliniken und 3 Institute an den Krankenhausstandorten Lauchhammer und Senftenberg. Mit 542 stationären Betten und 74 tagesklinischen Behandlungsplätzen sind die Sana Kliniken Niederlausitz das größte Krankenhaus der Regelversorgung in Südbrandenburg und bieten ein breites Leistungsspektrum. 1.200 Mitarbeitende sichern auf höchstem medizinischem und pflegerischem Niveau die kompetente Versorgung von jährlich mehr als 22.000 stationären und 32.000 ambulanten Patienten. Mit hoher Fachkompetenz, aktuellem Wissen, ausgesprochener Patientenorientierung und modernster Medizintechnik sind unsere Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr für Patienten im Einsatz, die unsere Hilfe benötigen. Die Sana Kliniken Niederlausitz sind akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) und leisten gemeinsam mit der Sana Campusschule Niederlausitz einen wichtigen Anteil an der langfristigen und hochwertigen Ausbildung junger Ärzte und Pflegekräfte.
Über die Sana Kliniken AG
Die Sana Kliniken AG ist führender integrierter Gesundheitsdienstleister im deutschsprachigen Raum. Die ganzheitliche Gesundheitsversorgung erstreckt sich von Präventionsangeboten über die ambulante und stationäre Versorgung bis hin zu Nachsorge, Rehabilitation und Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln. Neben B2B-Services in Einkauf und Logistik bietet Sana Beratung, Implementierung und Instandhaltung in den Bereichen Medizintechnik und Medizinprodukte sowie Managementleistungen für externe Kliniken an. 2022 erwirtschafteten die rund 34.500 Beschäftigten einen Umsatz von drei Milliarden Euro. Zur Sana Kliniken AG zählen mehr als 120 Gesundheitseinrichtungen, darunter Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und 44 Krankenhäuser, in denen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten behandelt werden, sowie mehr als 50 Sanitätshäuser. Eigentümer der 1976 gegründeten Sana Kliniken AG sind 24 private Krankenversicherungen. Sitz der Unternehmenszentrale ist Ismaning bei München.