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Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Welche Arten gibt es?
Schmerzen gehören zum Leben dazu. Sie können unter anderem stechend, brennend, elektrisierend, dumpf, spitz oder quälend sein. Die Vielzahl der gebräuchlichen Adjektive für die Wahrnehmung von Schmerzen deutet drauf hin, dass auch deren Ursachen sehr unterschiedlich sind. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die wichtigsten Schmerzarten, die Mediziner in der Praxis häufig behandeln.
Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Schmerzgesellschaft IASP (International Assosiation for the Study of Pain) einigte sich vor wenigen Jahren auf eine neue Definition von Schmerzen, die in einem Expertenkommentar wie folgt übersetzt wurde: „Schmerz ist eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlichem oder drohenden Gewebeschaden verbunden ist oder dieser ähnelt.“
Die Klassifikation der verschiedenen Schmerzarten beschäftigt Forschungsteams weltweit. Ein kürzlich im renommierten Journal Frontiers in Pain Research veröffentlichter Artikel trägt aktuelle Forschungsergebnisse zu Schmerzformen im Zusammenhang mit Erkrankungen des Bewegungsapparats zusammen und leitet Schlussfolgerungen für die Praxis ab. Die Wissenschaftler beschreiben vier wesentliche Schmerzmechanismen.
Schmerz durch Gewebeschädigung
Schmerzen, die nach einer Schädigung von Gewebe wie Muskeln, Gelenken oder auch inneren Organen auftreten, heißen in der Fachsprache nozizeptive Schmerzen. Nozizeptoren sind freie Nervenendigungen im menschlichen Körpergewebe, die auf thermische, chemische oder mechanische Reize – zum Beispiel Hitze oder Kälte, Verätzung und starke Druckeinwirkung – reagieren können. Nozizeptorschmerzen treten bei drohender oder akuter Schädigung von Gewebe auf, beispielsweise bei einem Schnitt in den Finger, bei einer Verletzung im Sport oder nach operativen Eingriffen. Diese Art von Schmerz geht zeitlich mit der Gewebeschädigung einher und schützt den verletzten Bereich vor weiterer Überlastung. Nach Abheilung der Verletzung verschwinden auch die Schmerzen in der Regel wieder vollständig.
Schmerz durch Entzündungsvorgänge
Bei akuten Schmerzen kommt es meist auch zur Ausschüttung von Endzündungsfaktoren, die zu den weiteren typischen Entzündungszeichen Rötung, Schwellung und Überwärmung beitragen. Zudem strömen Entzündungszellen in das geschädigte Gewebe, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen. Diese Abläufe sind anfangs normal und klingen mit der Genesung ab. Ist das nicht der Fall, können chronische Schmerzen entstehen.
Schmerzen nach Nervenschädigung
Schmerzen, die nach einer Schädigung oder im Zusammenhang mit einer Erkrankung des Nervensystems einhergehen, nennen Mediziner neuropathische Schmerzen. Sie fühlen sich meist brennend, stechend oder elektrisierend an. Diese Art von Schmerzen hat keine schützende Funktion und wird deshalb von Experten als maladaptiv bezeichnet.
Schmerzen durch Veränderungen der Reizverarbeitung
Von noziplastischen Schmerzen sprechen Experten, wenn die Beschwerden durch eine Veränderung der Reizverarbeitung im zentralen Nervensystem entstehen und es keine Hinweise auf eine aktuelle oder drohende Gewebeschädigung gibt. Die dahinterliegenden Mechanismen sind immer noch nicht komplett erklärt. Daran arbeiten Forschungsteams weltweit. Wahrscheinlich liegt die Ursache in einer Veränderung der Schmerzmodulation, Betroffene können zum Beispiel ein Defizit im Bereich der körpereigenen Schmerzhemmung haben. Von chronischen Schmerzen sprechen Mediziner, wenn die Symptome länger als drei Monate andauern.
Therapieansätze
Für die effektive Therapie ist es wichtig, den im Einzelfall vorliegenden primären Schmerzmechanismus zu finden und auch Faktoren zu identifizieren, die einen Einfluss auf den weiteren Verlauf haben können, beispielsweise das Vorliegen psychologischer Probleme wie Depression oder Angst. Die Einschätzung erfolgt durch die klinische Untersuchung und den Einsatz von spezifischen Fragebögen. Je nach Ursache sind verschiedene Ansätze und Konzepte wirksam.
Neben der ursächlichen Therapie bei Schmerzen nach Schädigung von Geweben, beispielsweise der medizinischen Versorgung einer Verletzung, sind die Kontrolle der Entzündung sowie die Behandlung mit Schmerzmedikamenten zielführend. Dabei gilt ganz grundsätzlich: Soviel wie nötig und so wenig wie möglich. Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Schmerztherapie wurde letztes Jahr aktualisiert und stehen Medizinern für die Verordnung der im Einzelfall adäquaten Schmerztherapie als Leitfaden zur Verfügung.
Ein wichtiges Ziel des akuten Schmerzmanagements, das nach chirurgischen Eingriffen nach festen Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA erfolgen muss, ist die Vermeidung von chronischen Schmerzen nach Operationen.
Für die Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen gibt es eine Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften AWMF, die derzeit aktualisiert wird.
Falls Patienten bereits chronische Schmerzen entwickelt haben, ist eine multimodale Therapie erforderlich. Die Behandlung erfolgt dann durch ein Team verschiedener auf dieses eigenständige Krankheitsbild spezialisierter Gesundheitsexperten und besteht aus mehreren Maßnahmen. Zur Therapie chronischer nicht tumorbedingter Schmerzen gibt es aktualisierte Handlungsempfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. DEGAM.