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Ismaning,
21
Mai
2024
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08:00
Europe/Amsterdam

Unnötige Wirbelsäulenoperationen vermeiden: Jeden Fall genau prüfen

Zusammenfassung

Wirbelsäulenoperationen gehören in Deutschland zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen. Aus Sicht von Sana-Medizinerin und Wirbelsäulenchirurgin Dr. Petra Büchin ist allerdings längst nicht jeder Eingriff notwendig. Sie plädiert – wann immer fachlich gerechtfertigt – primär für präventive und nicht-operative Maßnahmen sowie eine OP-Entscheidung auf Basis von klaren und wissenschaftlich fundierten Kriterien.

Einer aktuellen Auswertung zufolge führten Chirurgen im Jahr 2020 in Deutschland rund 735.000 Eingriffe an der Wirbelsäule durch. Dabei gibt es regionale Unterschiede, die sich medizinisch nicht erklären lassen. Eine kürzlich publizierte Analyse der Techniker Krankenkasse weist außerdem darauf hin, dass wahrscheinlich viel zu viele Patienten vorschnell operiert werden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Vorgehensweise eindeutig: Vor jedem Eingriff an der Wirbelsäule müssen zunächst jegliche nicht-operativen, das heißt konservative, Maßnahmen ausgeschöpft werden. Für die Bewertung alternativer Therapieoptionen haben Betroffene die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Seit November 2021 haben sie laut Angaben des Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA darauf sogar ein Recht.

Dr. med. Petra Büchin, Karl-Olga-Krankenaus Stuttgart

OP-Empfehlung ohne eindeutige Indikation? Das darf nicht sein!

Dr. Petra Büchin ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, Fachärztin für Allgemeine Chirurgie sowie Chefärztin des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie und Rückentherapie am Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart. Die Medizinerin kennt das Problem, denn sie sieht immer wieder Patienten, die eine unnötige Operation an der Wirbelsäule erhalten haben oder kurz vor einem Eingriff stehen und sich von ihr zusätzlich beraten lassen. 

Die Ärztin erklärt: „Ich bin immer wieder irritiert darüber, wie häufig Patientinnen oder Patienten eine Operation empfohlen wird, obwohl es gar keine eindeutige Indikationsstellung für einen Eingriff gibt. Mich überrascht, wie gerne sich manche Patienten operieren lassen, weil eine konservative Therapie langwierig und mühsam ist und nur durch regelmäßige Übungen über einen längeren Zeitraum zu Besserung führt. Die meisten Rückenschmerzen sind unspezifisch und durch Verklebungen der feinen Schicht um unsere Muskeln, der Faszien, sowie Verkürzungen der Muskeln bedingt, die zu einem Ungleichgewicht führen. In diesen Fällen hilft keine Operation. Rückenschmerzen sind zudem oft eingebettet in ein systemisches Krankheitsbild, zum Beispiel metabolisches Syndrom, Adipositas, Hormondefizite, Depression, das es zu erkennen und konsequent zu behandeln gilt.“

Interdisziplinäre Untersuchung und Therapie reduzieren OP-Häufigkeit

Wie eine aktuelle Studie eines Forschungsteams aus Deutschland zeigt, müssen Ärzte bei der Einschätzung verschiedene Befunde der Patienten berücksichtigen, unter anderem auch Schmerzdauer und psychosoziale Risikofaktoren, denn sie sind mitentscheidend für den Erfolg operativer Eingriffe. Vor einer anstehenden Operation sollten die Patienten ein Assessment, das heißt eine umfassende Untersuchung, durch Experten verschiedener Fachrichtungen erhalten, dazu gehören zum Beispiel Ärzte, Physiotherapeuten und manchmal auch Psychologen. Es ist mittlerweile bekannt, dass die interdisziplinäre Untersuchung und Therapie dazu führt, dass sich die Anzahl der Operationen reduziert. 

Die Orthopädin aus Stuttgart erklärt: „Die neuen Forschungsdaten zeigen, dass es den meisten Patienten schon besserging, wenn sie eine begründete alternative Therapieempfehlung bekamen. Das zeigt aus meiner Sicht, wie wichtig es ist, sich jeden Einzelfall genau anzuschauen und zu beraten. Die Befunde auf dem Röntgen- oder MRT-Bild sagen ohne gezielte Anamnese und gründliche körperliche Untersuchung meistens nichts über die Notwendigkeit für eine Operation aus. Bei vielen Patienten sind im MRT ein oder mehrere Bandscheibenvorfälle sichtbar, die jedoch keine spezifischen Symptome und Beschwerden verursachen.“ Akute Rückenschmerzen ohne schwerwiegende neurologische Symptome wie Lähmungserscheinungen oder Blasenstörungen sind nicht nur auf Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule zurückzuführen. Die Ursachen sind vielschichtig und gehen häufig auf mangelnde Bewegung mit den bekannten Folgen wie Muskelschwäche, Haltungsveränderungen sowie Verkürzung und Verklebung der Faszien zurück.

Intensive nicht-operative Therapie vor jedem Eingriff

Die Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte sind eindeutig: Sofern keine absoluten Operationsindikationen bestehen, sollte vor jedem Eingriff an der Wirbelsäule zunächst eine intensive nicht-operative Therapie erfolgen, dazu gehören zum Beispiel Trainingstherapie, Physiotherapie sowie das Erlernen von Schmerzbewältigungsstrategien. Injektionsbehandlungen können sinnvoll sein, wenn andere konservative Maßnahmen nicht greifen und die Schmerzstärke einen definierten Schwellenwert übersteigt. Im Idealfall ist die Injektionstherapie in ein umfassendes Therapiekonzept eingebettet. Korrekt eingesetzt kann sie zu einer kurzzeitigen Schmerzlinderung oder -freiheit beitragen.

Sprechstunde für konservative Rückentherapie

Am Karl-Olga-Krankenhaus bietet das Team um Petra Büchin neben einer Indikationssprechstunde auch eine Sprechstunde für konservative Rückentherapie an. Die Medizinerin erklärt die Vorgehensweise: „Wir erheben durch ein ausführliches Anamnesegespräch und körperliche Untersuchung einen Befund, den wir dann mit den Ergebnissen der bildgebenden Diagnostik abgleichen. Sehen wir die konservative Therapie noch nicht vollständig ausgeschöpft, können wir den Patienten in unserer konservativen Rückentherapie weitere diagnostische Schritte und Therapieoptionen anbieten, wie eine Haltungsanalyse mittels strahlungsfreiem Rückenscan sowie auch eine Bioimpedanzanalyse zur Messung der Muskel- und Fettverteilung. 

Was viele nicht wissen: Durch Inaktivität kommt es sehr häufig zu Fetteinlagerungen in den Muskeln der Lendenwirbelsäule. Das können wir mit den genannten Untersuchungen messen und den Patienten in ausdruckbaren Befunden objektiv zeigen. Verlaufsuntersuchungen im Rahmen einer intensiven Trainingstherapie, die bei vielen Patienten eine Lebensumstellung bedeutet, können für den Patienten sehr motivationsfördernd sein.“ Zudem gibt es am Karl-Olga-Krankenhaus die Möglichkeit für eine genaue Nährstoffanalyse sowie ambulante Ernährungstherapie. Zu den wichtigen Zielen für Prävention und Therapie gehören eine gute Rumpfstabilität, ein gutes muskuläres Gleichgewicht sowie Koordination und Flexibilität. So lassen sich die meisten unspezifischen Schmerzen verbessern.

Use it or lose it: Eigeninitiative gefragt

Wer sich viele Jahre wenig bewegt hat, kann nicht erwarten, dass sich Beschwerden mit ein paar Therapieeinheiten in Luft auflösen. Die Leistungen der Krankenkassen zur Physiotherapie reichen in der Regel nicht aus. Daher ist auch die Eigeninitiative der Patienten gefragt. Jeder kann und muss etwas für seine eigene Gesundheit tun und Verantwortung für einen gesunden Lebensstil übernehmen. Für körperliche und geistige Fitness ist es niemals zu spät. Im Optimalfall sollte man Muskeln und Herz-Kreislaufsystem täglich belasten.

Petra Büchin resümiert: „Patienten müssen für ihren Rücken und ihre Gesundheit Verantwortung übernehmen. Die Ärzteschaft muss dies sowohl konservativ als auch durch eine gute Indikationsstellung zur Operation unterstützen. Es braucht eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachbereichen und auch einen intensiven Austausch zwischen Klinik und den niedergelassenen Kollegen. Ich rate Patientinnen und Patienten mit therapieresistenten Rückenschmerzen dazu, sich an ein Wirbelsäulenzentrum zu wenden, das zum einen das komplette Spektrum der Wirbelsäulenchirurgie anbietet, zum anderen den Patienten aber auch Therapievorschläge für eine konservative Therapie machen kann. Die Sana Kliniken AG bietet in vielen ihrer Häuser in ganz Deutschland genau dieses Vorgehen an. Eine strenge Indikationsstellung zur Operation mit guter Ausführung sollte der Standard sein. Mindestmengen vorausgesetzt, kommt Qualität im Sinne von leitliniengerechtem Handeln durch Ärzte mit hoher Fachexpertise auf jeden Fall vor Quantität. Die beste Versorgung für den einzelnen Patienten muss immer im Mittelpunkt stehen. “

 

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