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Ismaning,
25
Oktober
2024
|
09:43
Europe/Amsterdam

Vorhofflimmern erhöht das Risiko eines Schlaganfalls massiv

Zusammenfassung

Ein Vorhofflimmern kann dazu führen, dass sich im linken Vorhofohr Gerinnsel bilden, die Schlaganfälle auslösen. Um das zu verhindern, setzen die Kardiologen aus Borna neben Medikamenten auf eine interventionelle Methode. Warum die Schlaganfallprävention so wichtig ist, welche Ansätze es gibt und für wen ein solcher Eingriff in Frage kommt, erklären Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie mit zertifizierter Schlaganfall-Station und Dr. Uwe Müller, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Sana Klinikum Borna.

Dr. med. Alexander Reinshagen

Ganz generell, warum ist die Schlaganfall-Prophylaxe so wichtig?

Alexander Reinshagen: Bei einem Schlaganfall − auch Hirninfarkt genannt − handelt es sich um eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns. Das ist trotz Fortschritten in der akutmedizinischen Behandlung ein lebensbedrohendes Ereignis und führt häufig zu einer bleibenden Behinderung oder auch zum Tod. So kann der ersehnte Ruhestand zu einem Albtraum werden, der mit Lähmung, Sprachverlust, Gleichgewichtsstörung und gegebenenfalls sozialem Rückzug aus Scham über die eigenen Einschränkungen einhergeht. Aus diesem Grund ist es uns ein dringendes Anliegen, dafür zu sensibilisieren, alles zu tun, damit es gar nicht erst zu einem Schlaganfall kommt. Neben einem gesunden Lebensstil mit Bewegung und gesunder Ernährung spielt die Behandlung von Vorerkrankungen dabei eine entscheidende Rolle. Eine dieser Vorerkrankungen, die ein Schlaganfallrisiko deutlich erhöhen, ist das Vorhofflimmern.

Dr. Uwe Mueller

Was ist ein Vorhofflimmern und was macht es so gefährlich?

Uwe Müller: Das Vorhofflimmern ist eine Herzrhythmusstörung, bei der sich die Vorhöfe des Herzens nicht mehr koordiniert zusammenziehen und stattdessen nur noch „flimmern“. Das Herz schlägt dann unregelmäßig und zu schnell. Einfach erklärt kann man sich das so vorstellen: Unser Herzschlag wird durch einen Stromimpuls ausgelöst, der vom Sinusknoten durch das Herz bis zu den Herzkammern weitergeleitet wird. Ist das Herz gesund, bewegt sich der Impuls immer nur in diese eine Richtung. Im Laufe des Lebens kommt es aber zu Umbauprozessen und Bindegewebseinlagerungen im Herzen, die diesen linearen Rhythmus stören können. Wenn es ganz schlecht läuft, schießen die Stromimpulse dann erratisch, das heißt unvorhersehbar, durch den Vorhof, so dass dessen Muskelzellen nicht mit einem Kommando aktiv werden, sondern zu verschiedenen Zeiten durch startende und rückkehrende Impulse erregt werden. Für sich genommen ist das nicht lebensbedrohend. Betroffene spüren diese Form der Rhythmusstörung beispielsweise als Herzrasen oder Herzstolpern, oft begleitet von Schwindel oder Schwäche. Das ist zunächst lästig, aber für sich genommen nichts Dramatisches. Ein Vorhofflimmern kann aber zu einer Schwächung des Herzens und zu Schlaganfällen führen. Menschen mit Vorhofflimmern haben ein fünffach erhöhtes Schlaganfallrisiko.

Wie genau erhöht das Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko?

Uwe Müller: Durch die gestörte Kontraktion der Vorkammer können sich im Herzen, vor allem im sogenannten Vorhofohr – einem Anhängsel am linken Herzvorhof – Blutgerinnsel bilden, die Grund zur Sorge bereiten. Werden die Gerinnsel durch die Blutbahn in die Blutgefäße des Gehirns gespült, kommt es zum Schlaganfall. Mediziner gehen davon aus, dass der Löwenanteil solcher embolisch bedingter Schlaganfälle ihren Ursprung im Vorhofohr haben.

Welche Rolle spielt diese Gefahr in der Therapie des Vorhofflimmerns?

Uwe Müller: Eine wichtige Rolle: Die Therapie des Vorhofflimmerns zielt zunächst darauf ab, die Beschwerden zu lindern, die Zahl der Anfälle von Herzrasen und gegebenenfalls Schwindel zu verringern. Dafür gibt es zwei Optionen: Zum einen Medikamente, die den Puls verlangsamen und das Herz wieder in Takt bringen. Eine Behandlungsalternative ist die sogenannte Katheterablation. Dabei handelt es sich um einen minimalinvasiven Eingriff, bei dem gezielt Bereiche innerhalb der Herzvorhöfe verödet werden, die an der Entstehung des Vorhofflimmerns beteiligt sind. Neben der Behandlung der Erkrankung selbst ist es aber aus den genannten Gründen ebenso wichtig, das Schlaganfallrisiko als eine Folge des Vorhofflimmerns individuell einzuschätzen und gegebenenfalls präventiv einzugreifen. Die am häufigsten angewendete Therapie ist dabei die sogenannte orale Antikoagulation, also die Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten. Dabei können jedoch Komplikationen in Form von Blutungen auftreten. Zudem können wir bei einer Vielzahl von Begleiterkrankungen solche Medikamente nicht verordnen, zum Beispiel bei einer schweren Niereninsuffizienz und Erkrankungen mit hohem Blutungsrisiko wie Magen-/Darmgeschwüre und Krampfadern der Speiseröhre oder einer Hirnblutung in der Krankengeschichte des Patienten. Als Alternative zur medikamentösen Therapie besteht daher die Möglichkeit, das linke Vorhofohr minimalinvasiv mit einem Schirmchen zu verschließen. Dies gilt als sichere und einfache Methode. Der Schutz durch das Schirmchen ist vergleichbar mit dem durch gerinnungshemmende Medikamente. 

Wie funktioniert das genau?

Uwe Müller: Wir implantierten einen sogenannten Vorhofohrokkluder. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Art Schirmchen, das aus einem Metallgerüst und einer Kunsstoffmembran besteht und das Vorhofohr dauerhaft verschließt. Der kathetergestützte Eingriff wird unter Narkose über die Leistenvene durchgeführt. Die Katheterspitze wird dabei unter Röntgen- und Ultraschallkontrolle in das linke Vorhofohr geschoben. Dort wird der Okkluder dann platziert und entfaltet. Er bildet dann eine Barriere zwischen dem Herzohr und dem Rest des Vorhofs. Gerinnsel können von dort nicht mehr in den Körperkreislauf gelangen.

Was, wenn es doch passiert. Woran erkenne ich einen Schlaganfall und wie reagiere ich im Notfall richtig?

Alexander Reinshagen: Wenn es um einen Schlaganfall geht, ist Zeit gleich Gehirn und Leben. Das bedeutet, werden Sofortmaßnahmen nicht unverzüglich eingeleitet, sterben schnell mehr Teile des Gehirns ab, und es kann zum Tod oder zu Folgeschäden kommen. Um den Notfall zu erkennen, gibt es einen einfachen Test (FAST-Test): Lächeln, Sprechen, Arme heben: Sobald eines davon nicht mehr klappt, ist sofort der Notruf 112 zu rufen. Um es konkret zu machen, wenn beim Lächeln ein Mundwinkel herabhängt, wenn die Sprache verwaschen klingt oder ein einfacher Satz nicht mehr nachgesprochen werden kann, wenn ein Arm nicht mehr angehoben werden kann oder es nicht gelingt, die Handfläche nach oben zu drehen, oder auch wenn Sehstörungen auftreten, selten auch mal ein erster Schwindelanfall, rufen Sie sofort die 112 und lassen sich schnellstmöglich auf eine Schlaganfall-Spezialstation bringen. Und zwar auch dann, wenn es spät am Abend passiert oder die Beschwerden nach kurzer Zeit wieder schwächer geworden oder verschwunden sind. Denn Ausfälle wie diese deuten auf einen Schlaganfall, also auf eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, hin. Ein nächster, dann häufig bleibender Schlag kommt häufig in den nächsten Stunden oder Tagen. Also auch ein Schlaganfall, der sich ja eigentlich schnell zurückgebildet hat, ist ein akut lebensbedrohlicher Notfall. Deswegen noch einmal unser Appell: Rufen Sie die 112 an.

 

Symbolbild: Canva / Olga355 von Getty Images