Zu viel, zu wenig, genau richtig: Was Patienten über Schmerzmittel wissen sollten
Schmerz muss man nicht aushalten! Wir räumen mit fünf häufigen Vorurteilen über Schmerzmedikamente auf. Unsere Experten ordnen Risiken und Nutzen ein, erklären Irrtümer zu Wirkungseintritt sowie Einnahme und zeigen, warum fachgerechte, ärztlich gesteuerte Therapie Nebenwirkungen reduziert und Chronifizierung vorbeugen kann.
Die fünf größten Vorurteile über Schmerzmedikamente
Schmerz muss man aushalten
Die "Augen-zu-und-durch"-Haltung ist weit verbreitet, aber medizinisch problematisch. Unbehandelte oder falsch therapierte Schmerzen können chronisch werden. Es steigt das Risiko, dass sich ein Schmerzgedächtnis ausprägt. Das hat zur Folge, dass Schmerzen mittel- und langfristig zunehmen oder häufiger auftreten. Bei Rückenschmerzen können Schmerzen unter anderem auch zu kompensatorischen Muskelverspannungen führen, wodurch Schmerzrezeptoren in der Muskulatur selbst gereizt werden und so den Schmerz unterhalten – ein Teufelskreis ensteht. Schmerzmittel helfen, genau diesen zu unterbrechen beziehungsweise zu beenden.
Medikamente sind nur bei starken Schmerzen sinnvoll
Das stimmt so nicht, denn auch bei anhaltenden und sich verstärkenden Schmerzen sind Medikamente sinnvoll. Viele Probleme entstehen durch Irrtümer über Wirkungseintritt, Wirkzeit, Einnahmefrequenz und Risiken. Genau hier hilft fachgerechte Beratung. Sie verhindert Fehleinnahmen, Unter- oder Überdosierung und damit unnötige Nebenwirkungen oder unzureichende Schmerzkontrolle.
Nebenwirkungen sind stark und schlecht in den Griff zu bekommen
Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfung sind mögliche Begleiterscheinungen, die beachtet werden müssen. Solche Nebenwirkungen lassen sich aber oft sehr gut beherrschen, wenn die Therapie gut gesteuert ist, beispielsweise durch:
Einnahme nach Uhrzeit und Plan anstatt nur bei Bedarf,
Begleitmedikation (z. B. gegen Übelkeit oder zur Vorbeugung von Verstopfung) sowie
Monitoring und gegebenenfalls Anpassungen der Medikamente.
Schmerzmittel machen schnell abhängig, vor allem Opioide
Bei Opioiden besteht eine Suchtgefahr, das ist richtig. Bei fachlich korrekter Anwendung, das heißt klare Indikation, richtige Dosierung und Kontrolle, ist das Risiko jedoch in der Regel gering und beherrschbar. Entscheidend ist, dass die Einnahme ärztlich verordnet und kontrolliert wird.
Man gewöhnt sich sehr schnell daran
Der sogenannte Gewöhnungseffekt (Toleranz) wird häufig überschätzt. Er kann auftreten, insbesondere bei Opioiden, aber meist nur in begrenztem Umfang. Gerade deshalb ist eine korrekte, ärztlich gesteuerte Anwendung zentral, inklusive regelmäßiger Überprüfung. Braucht es das Medikament noch? In welcher Dosis? Gibt es Alternativen?
Alternativen und ihre Grenzen
Viele Beschwerden lassen sich sinnvoll begleitend oder, je nach Ursache, auch primär ohne Medikamente und schwerpunktmäßig mit aktiven Maßnahmen angehen, die zu einer Steigerung der Selbstwirksamkeit beitragen, zum Beispiel:
Physiotherapie und gezielte Übungen
regelmäßige Bewegung, angepasst an die individuelle Belastbarkeit
Entspannungsverfahren, wie Atemtechniken, Meditation, etc.
antientzündliche Ernährung, Verzicht auf Alkohol und Nikotin
Passive Maßnahmen können unterstützend hilfreich sein, jedoch nicht alleine, sondern in Kombination mit aktiver Therapie:
Wärme- und Kälteanwendungen
je nach Indikation Akupunktur oder Kinesiotaping
Ein wichtiger Grundsatz dabei: Bevor man „nur Alternativen“ ausprobiert oder Medikamente grundsätzlich ablehnt, braucht es bei anhaltenden oder starken Beschwerden eine fundierte Anamnese und körperliche Untersuchung, um ernsthafte Ursachen auszuschließen. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, zumindest vorübergehend Medikamente einzusetzen. Entscheidend sind die richtige Dosierung und ärztliche Begleitung.
Viel Diskussion gibt es auch zum Einsatz von Cannabis als Alternative zur Therapie von Schmerzen. Vor einem leichtfertigen Einsatz von Cannabinoiden ist ausdrücklich zu warnen. Sie kommen nur für sehr wenige Patienten überhaupt infrage und können lediglich für Einzelfälle nach strenger Indikationsstellung durch einen Arzt oder eine Ärztin verordnet werden. Weitere Informationen finden Interessierte zum Beispiel bei der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V.
Warum ist ein „zu viel“ nicht gut?
Ein Übermaß oder Fehlgebrauch von Schmerzmedikamenten kann mehr schaden als helfen. Die Risiken reichen von direkten Organschäden bis zur Verschlimmerung der Schmerzen, zum Beispiel:
Opiatinduzierte Hyperalgesie: Bei Über- oder Fehlgebrauch können Opioide paradoxerweise die Schmerzempfindlichkeit erhöhen.
Übergebrauchskopfschmerz: Bei Migräne kann die häufige Einnahme bestimmter Schmerzmittel Kopfschmerzen mit verursachen beziehungsweise verstärken.
Organschäden: Häufig sind Nieren und Leber betroffen, beispielsweise bei unkritischer, häufiger Einnahme von NSAR (nicht steroidale Antirheumatika).
Die weit verbreitete Einschätzung „Viel hilft viel“ gilt bei Schmerzmitteln nicht. Wirksam und sicher ist meist die kleinste sinnvolle Dosis für die passende Dauer, mit klarer und ärztlich gesteuerter Behandlungsstrategie.
Was ist das Problem am „zu wenig“?
Zu wenig oder falsch behandelte Schmerzen können chronifizieren. Besonders riskant sind:
Verzicht aus Angst oder
Fehleinnahme beziehungsweise Unterdosierung („nur halb“, „nur selten“, „ich halte noch durch“)
Anhaltende Schmerzen fördern die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses und machen eine spätere Behandlung oft schwieriger und langwieriger.
Warum kommt es zu den Extremen?
Das eine Extrem ist der Griff zur Schmerztablette schon bei milden Beschwerden. Zu den typischen Treibern, oft auch eine Kombination daraus, gehören:
Zeitdruck und Leistungsgesellschaft: Viele sind der Meinung, in jeder Situation funktionieren zu müssen. Für Diagnostik, Physiotherapie und regenerative Maßnahmen ist keine Zeit.
Schnelle Verfügbarkeit: Insbesondere frei verkäufliche Schmerzmittel, sogenannte Over-the-Counter-Präparate, sind jederzeit und niederschwellig zu bekommen.
Verharmlosung: Sehr häufig gehen Menschen auch davon aus, dass frei verkäufliche Präparate harmlos sind und keine negativen Effekte haben können.
Informationsdefizite: Das Unwissen über Alternativen oder falsche Erwartungen an „die eine Tablette“ ist weit verbreitet. Die Gesundheitskompetenz vieler Menschen ist gering, häufig in Kombination mit einem niedrigen Bildungsniveau.
Stress und psychische Belastung: niedrigere Schmerztoleranz, mehr Anspannung, schlechter Schlaf.
Angst vor Arbeitsplatzverlust oder Ausfallzeiten: Symptome werden durch die Tablette einfach schnell „wegorganisiert“.
Zum anderen Extrem gehören Menschen, die Schmerzmedikamente vollständig ablehnen. Häufige Gründe für dieses Verhalten:
Angst vor Abhängigkeit, die pauschal auf alle Schmerzmittel übertragen wird,
Durchhalte-Ideal,
Schlechte Erfahrungen im Umfeld,
Sorge vor Nebenwirkungen,
Misstrauen gegenüber „Chemie“ und
Wunsch nach „natürlichen“ Lösungen.
Beide Extreme sind kontraproduktiv und können zu Nebenwirkungen sowie zur Schmerzchronifizierung beitragen. Einen wichtigen Orientierungsrahmen gibt die Deutsche Schmerzgesellschaft. Eine ärztlich abgestimmte Einnahme von Schmerzmitteln ist in der Regel nicht mit Abhängigkeit oder schweren Nebenwirkungen verbunden.
Lesetipp: Rückenschmerzen: Fünf Gründe, die einer erfolgreichen Behandlung oft im Weg stehen
Unsere Experten für Ihre Berichterstattung
Dr. med. Brigitte Rönsch
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Anästhesiologie, Schmerztherapie und Palliativmedizin der Sana Kliniken Landkreis Leipzig
Dr. med. Sebastian Katscher
Chefarzt Interdisziplinäres Wirbelsäulenzentrum und Neurotraumatologie der Sana Kliniken Landkreis Leipzig
Der Aktionstag gegen den Schmerz am 2. Juni bietet einen aktuellen Anlass für Ihre Berichterstattung, das Thema ist aber auch darüber hinaus von Interesse.
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