Dann greift auch der viel zitierte „Pflegenotstand“ zu kurz?
Ja. Natürlich fehlen auch uns Fachkräfte. Aber wer nur Köpfe zählt, übersieht einen Teil des Problems: Pflegefachpersonen übernehmen viele Tätigkeiten, für die ihre Qualifikation nicht erforderlich ist. Gleichzeitig wird starr vorgegeben, wie viele Fachkräfte da sein müssen. Aus meiner Sicht haben wir deshalb auch eine durch politische Vorgaben ineffizient genutzte Ressourcenverteilung. Entscheidend müsste sein: Welche Aufgaben fallen tatsächlich an und welche Qualifikation wird dafür gebraucht?
Wie würde eine solche Verteilung aussehen – und was hätten Pflegefachkräfte und Patienten davon?
Wir brauchen einen qualitäts- und aufgabenorientierten Skill-Grade-Mix. Pflegefachpersonen übernehmen ihre Vorbehaltsaufgaben. Pflegeassistenzen, Medizinische Fachangestellte oder Servicekräfte kümmern sich um passende Aufgaben. „Schwester ist Schwester“ wird der heutigen Profession nicht gerecht. Auch in der Pflege gibt es Spezialisten. Wir müssen weg von einem Rollenbild aus dem 19. Jahrhundert, das Pflege vor allem mit Aufopferung verbindet. Wenn jede Berufsgruppe das tut, was sie besonders gut kann, steigt die Qualität. Pflegekräfte bleiben eher, wenn ihre Kompetenz gesehen wird und sie mitgestalten können.
Die Krankenhausreform setzt auf Bündelung und Spezialisierung. Ist das aus Sicht der Pflege eher Chance oder Risiko?
Beides. Gebündelte Leistungen ermöglichen Spezialisierungen und mehr Expertise. Das kann die Qualität verbessern. Gleichzeitig werden die Fälle komplexer und pflegeintensiver. Auch die These, Beschäftigte geschlossener Häuser wechselten einfach zum nächsten Krankenhaus, wird nicht aufgehen. Im ländlichen Raum zählen Fahrtwege und familiäre Bindungen; manche verlassen die Region oder den Beruf. Der Pflegebedarf verschwindet aber nicht mit einem Standort. Wachsen ambulante und nachsorgende Strukturen nicht mit, konzentriert er sich auf die verbleibenden Häuser. Die gesamte Versorgungskette muss mitgedacht werden.






