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Brustkrebs: „Brustlos glücklich“
Im Mai 2022 änderte sich Jessicas Leben von einem Tag auf den anderen. Brustkrebs im Stadium IIA lautete die Diagnose. Eine brusterhaltende Operation war aufgrund einer genetischen Vorbelastung nicht möglich, beide Brüste und auch die Eierstöcke mussten entfernt werden, um das Risiko einer Neuerkrankung zu reduzieren. Jessica entschied sich nach der beidseitigen Mastektomie für ein Leben ohne Brüste. Mit dieser Wahl ist die 48-jährige bis heute glücklich.
Die Diagnose Brustkrebs kam für Jessica aus heiterem Himmel. Im Oktober 2021 war sie bei der Vorsorgeuntersuchung, zu der alles noch in bester Ordnung schien. Nur zwei Monate später, im Dezember 2021, entdeckte sie einen Knoten in ihrer Brust. Warum die Geschwulst so rasant entstehen konnte, blieb unklar. Letztendlich spielt die Antwort auf diese Frage im Nachhinein auch keine Rolle mehr. “Die Diagnose zog mir den Boden unter den Füßen weg, das Leben drückte auf Pause, einfach so, ich war bis zum endgültigen Ergebnis fest davon überzeugt, dass es kein Krebs ist. Was folgte war ein Marathon von Arztterminen, Untersuchungen und Recherchen – immer mit dem Gedanken, das muss ein Fehler sein.“
Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
In ihrer Familie war Jessica nicht die erste mit dieser Diagnose, auch ihre Oma war in jungen Jahren an Brustkrebs erkrankt. Deshalb wurde bei Jessica in einem spezialisierten Zentrum ein Test auf Risiko-Genveränderungen durchgeführt. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums dkfz gibt es bei knapp einem Drittel aller Brustkrebspatientinnen Hinweise auf eine mögliche erbliche Belastung in der Familie. Eine erbliche Veränderung in einem bekannten Risiko-Gen – am häufigsten in den Genen BRCA1 und BRCA2 – ist bei einem kleinen Anteil der betroffenen Familien die Ursache. So war es auch bei Jessica, ein brusterhaltender Eingriff war damit nicht mehr möglich. Sie entschied sich, auch die gesunde Brust und die Eierstöcke prophylaktisch zu entfernen.
"Aufgrund der nachgewiesenen BRCA2-Mutation lag mein persönliches Risiko für eine erneute Tumorerkrankung an der Gegenseite bis zum 80. Lebensjahr bei rund 78 Prozent, für die Entstehung von Eierstockkrebs bei 14 Prozent. Dieses Risiko war mir einfach zu hoch, ich wollte nie wieder in so eine Situation kommen“, erklärt Jessica. „Zumal gerade Eierstockkrebs lange unbemerkt bleiben kann.“
Brustaufbau oder Brustlosigkeit?
Jessica musste sich nicht nur mit den Folgen ihrer Therapie befassen, sondern sich zudem mit der Frage beschäftigen, ob sie einen Brustaufbau, eine Rekonstruktion, machen lassen oder ohne Brüste weiterleben wollte. Um eine so einschneidende Entscheidung treffen zu können, brauchen Frauen nicht nur einfühlsame Medizinerinnen oder Mediziner, die über alle Möglichkeiten gleichermaßen aufklären, sondern auch den Rückhalt der Familie.
„Meine Oma war einseitig flach, auch bei ihr wurde die erkrankte Brust damals entfernt, ich war den Anblick von klein auf gewohnt und empfand es nie als schlimm, von daher schockierte mich die Vorstellung nicht allzu sehr“, so Jessica. „Dennoch habe ich mich im Vorfeld sehr gut über alle Möglichkeiten und vor allem deren Komplikationen informiert. Irgendwann war klar, ich wollte meine Brüste oder keine Brüste. Ich wollte so schnell und so einfach da durch und meinem Körper so wenig Belastung wie möglich zumuten. Ich wollte kein Ergebnis, das womöglich nicht meinen Vorstellungen entspricht und im Zweifelsfall meinen Leidensweg noch verlängert.“
Ihre Entscheidung hat Jessica nie bereut: „Ich trage auch keine Brustprothese, ich bin wie ich bin und das ist brustlos glücklich. Für mich ist das ein ganz neues Lebensgefühl.“ Jessicas Familie und Freunde standen die ganze Zeit vollkommen hinter ihr: „Mein Mann hat jede Entscheidung mitgetragen und mich darin bestärkt, meinem Bauchgefühl zu folgen. Auch Familie und Freunde konnten meine Entscheidung verstehen und unterstützten mich in meinem Vorhaben.“
Wege zur Bewältigung
Für die Bewältigung der Situation spielt es aus Jessicas Sicht kaum eine Rolle, ob sich eine Frau für eine Rekonstruktion oder die Brustlosigkeit entscheidet: Sie verliert ein, oder sogar zwei Körperteile, die bisher fest zu ihrer weiblichen Identität gehörten. Jessica schrieb ihren Brüsten zum Beispiel einen Abschiedsbrief. „Ich habe mich bei meinen Brüsten bedankt für die gemeinsame Zeit und dafür, dass sie den Krebs mitnehmen. Das mag sich albern anhören, aber mir hat es geholfen, diesen Verlust bewusst zu vollziehen, dazu gehörte auch ein Fotoshooting ganz für mich und meine Brüste.“
Außerdem ging sie nach Abschluss der Behandlung mit einer engen Freundin einen Trauerweg. „Der Trauerweg oder auch Lebensgarten auf dem Karlsruher Hauptfriedhof ist ein geschützter Ort, an dem man an unterschiedlichen Stationen seinen Gefühlen Ausdruck bringen kann – mal meditativ, mal aktiv durch lautes Schreien oder kleine Rituale“, so Jessica. „Er lädt ein zum Nachdenken und Innehalten, um das Leben neu zu finden und zu gestalten. Das war unglaublich befreiend und bestärkend, weil ich gemerkt habe, dass ich mit meinen Gefühlen und Gedanken nicht allein bin. Dabei spielt es keine Rolle, ob man einen geliebten Menschen, eine Krankheit oder eben den Verlust von Brüsten betrauert.“
Selbstbewusst ohne Brust
Seit November 2022 engagiert Jessica sich im Verein Ablatio mammae – Selbstbewusst ohne Brust e. V., kurz AMSOB. Zusammen mit anderen Frauen setzt sie sich dafür ein, dass Brustlosigkeit eine akzeptierte alternative Behandlungsoption bei Brustkrebs ist. Der Verein bietet Austausch mit Gleichgesinnten und eine fundierte Aufklärung. Antje Proft, die erste Vorsitzende des Vereins, war schon an mehreren Sana-Brustkrebszentren vor Ort, zum Beispiel bei Dr. Thomas Noesselt am Sana Klinikum Hameln-Pyrmont und bei Dr. Beata Loj am Sana-Hanse-Klinikum Wismar. Antje Proft erntete viel Zuspruch. Die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Vereinen zur Unterstützung betroffener Frauen ist Teil des ganzheitlichen Versorgungsansatzes in den Sana-Brustkrebszentren.
Fotoprojekt „Brustlos schön“
Im Frühjahr 2023 startete die Fotografin Mirja Nicolussi ihr Projekt „Brustlos schön“. Mit den Bildern wollen Nicolussi und die portraitierten Models gemeinsam zeigen, dass Frauen auch ohne Brüste stark und selbstbewusst sein können. Jessica ist eine von ihnen.
Über AMSOB hatte die Fotografin nach betroffenen Frauen gesucht, denen wegen Brustkrebs eine oder beide Brüste entfernt wurden. Jessica war sofort begeistert: „Da die Brustlosigkeit in unsere Gesellschaft leider sehr wenig Anerkennung findet und Frauen sich teilweise nur für eine Rekonstruktion entscheiden, um dem Schönheitsideal zu entsprechen, war es mir wichtig dieses Projekt zu unterstützen. Ich wollte zeigen, dass eine Mastektomie eine echte Alternative zur Rekonstruktion der Brust darstellt. Denn auch nach einer Mastektomie sind wir immer noch attraktive, schöne Frauen und müssen vor allem eins nicht – uns verstecken. Wir sollten aufhören, uns selbst auf unsere Brüste zu reduzieren. Die Schönheit einer Frau hängt doch nicht von ihren Brüsten ab."
Im November wird die Ausstellung “Brustlos schön” im Brustzentrum des Sana Klinikums Hameln-Pyrmont zu sehen sein.