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PsychotherapieMit und ohne Worte

Ein Interview über die klassische Psychotherapie und kreativtherapeutische Verfahren mit Prof. Dr. Peer Abilgaard, Chefarzt für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an den Sana Kliniken Duisburg

Wie „funktioniert“ die klassische Psychotherapie?

„Als Patient möchte ich unbedingt darauf vertrauen können, dass die mir angebotene Therapie immer auf der Höhe der Zeit nach wissenschaftlichen Standards vonstatten geht. Um das sicherzustellen, wurden in den letzten Jahren auch im Bereich der psychischen Störungen Leitlinien eingeführt“, weiß Prof. Abilgaard. „Hier ist festgelegt, dass psychotherapeutische Verfahren eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Menschen in seelischen Krisen spielen. Anders aber als ein Medikament kann Psychotherapie nicht einfach nur verabreicht werden, auf das sich Leid verursachendes Fühlen, Denken und Handeln verändert. Psychotherapie ereignet sich immer in der Begegnung zwischen Patienten und Therapeuten oder auch in einer Gruppe. Das Klima dieser Begegnung, auch therapeutische Beziehung genannt, ist nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen einer der wesentlichsten Faktoren, ob eine Psychotherapie wirken kann oder nicht. Wenn sich Hilfesuchende respektvoll angenommen fühlen, wenn das Leid ausreichend gewürdigt wird und wenn individuelle Stärken im Gespräch Raum finden, dann sind das gute Voraussetzungen dafür, dass Psychotherapie gelingt.“ Die Einzel- und/oder Gruppentherapie kann dann zu einem sicheren Ort werden, wo neue stärkende Erfahrungen möglich sind, die so im Alltagsgeschehen nicht möglich wären. Neueste Forschungsergebnisse legen nahe, dass diese allgemeinen Wirk-Faktoren („common factors“) des psychotherapeutischen Settings auf unterschiedlichste Therapieverfahren (wie beispielsweise Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, systemische Therapie etc.) anwendbar sind und maßgeblich dazu beitragen, dass sie ihre volle Wirksamkeit entfalten können. „Manchmal ist es aber für Hilfesuchende in seelischen Krisen nicht immer einfach, die passenden Worte zu finden und seinen Gefühlen und Gedanken ein gesprochenes Wort zu verleihen. Eine stille Auseinandersetzung mit dem Problem kann der Seele auch Raum geben, um zu heilen und seelische Krisen zu verarbeiten. Daher gibt es neben den in der Psychatrie und Psychosomatik klassisch verbalen Therapieverfahren auch non-verbale Konzepte. Dazu gehört das kreativtherapeutische Verfahren“, erklärt Prof. Abilgaard.

Kreativtherapeutische Verfahren: Psychotherapie ohne Worte

Oft sind Patienten bei der Durchsicht ihres Therapieplans in einer psychiatrischen/ psychosomatischen Klinik erstaunt über die bunte Vielfalt der therapeutischen Angebote. Neben den klassischen Gesprächstherapien (in Einzelsetting und/oder in der Gruppe) finden sie häufig recht umfängliche Angebote und Verfahren, wo das Wort nicht im Mittelpunkt steht. Gemeint sind hier Musiktherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, Tanztherapie, Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und an manchem Standort noch viele weitere Angebote.

Auch zur sogenannten „nonverbalen Psychotherapie“ gibt es heute solide Forschungen, die ihre Wirksamkeit eindrucksvoll belegt. Doch wie wirken diese Therapien? „Unser Festgelegt sein auf Worte in der zwischenmenschlichen Kommunikation hat nicht nur Vorteile. Es kann auch Anlass für Missverständnisse bieten. Denn manchmal gelingt es nicht so gut, bestimmte Gedanken und/oder Gefühle in Worte zu fassen. Oder mehrere Themen in uns konkurrieren miteinander in Worte gefasst zu werden. Diese innere Vielstimmigkeit kann dann nur nacheinander den Weg nach draußen finden. Der Umgang mit künstlerischen und körperorientierten Verfahren ist ein ganz eigener Kanal, für den diese Beschränkungen nicht gelten. Hier ist ausdrückbar, wofür es (noch) keine Worte gibt. Das kann als große Entlastung empfunden werden“, erläutert Prof. Abilgaard.

Auch unsere Fantasie, die eine wichtige Triebfeder unserer Psyche ist und sich beispielsweise in unseren Tag- und Nachtträumen Weg zu unserem Bewusstsein bahnt, kann in nonverbalen Verfahren ihre Energie sehr gut entfalten. Fantasie, die sich auf diese Weise ausdrücken kann, wird zum kreativen Motor bei der Bewältigung unserer Lebensthemen.

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Prof. Peer Abilgaard

Prof. Dr. Peer Abilgaard

Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Sana Kliniken Duisburg

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