Ausbildung in der Physiotherapie

Vom Schlaganfall ihres Opas zum Traumberuf: Ein Erlebnis, das alles veränderte

Noch vor wenigen Jahren hatte Leni-Sophie Schudde mit Physiotherapie nicht viel am Hut. Wenn sie an den Beruf dachte, dachte sie vor allem an Massagen. Dass Physiotherapeuten Menschen nach schweren Erkrankungen dabei helfen können, grundlegende Fähigkeiten zurückzugewinnen, war ihr damals kaum bewusst.

Heute ist das völlig anders. Leni-Sophie ist 19 Jahre alt, kommt aus Dranske auf Rügen und befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Physiotherapeutin. Als erste Auszubildende in diesem Bereich am Sana-Krankenhaus Rügen nimmt sie dabei eine ganz besondere Rolle ein.

Dass sie heute für diesen Beruf brennt, hat viel mit einem Menschen zu tun, der ihr besonders nahesteht: ihrem Opa.

Vor rund drei Jahren erlitt er einen schweren Schlaganfall. Für Leni-Sophie und ihre Familie veränderte sich damit von einem Moment auf den anderen vieles. Sie erlebte, wie ihr Opa plötzlich auf Unterstützung angewiesen war, und gleichzeitig, wie intensiv im Krankenhaus daran gearbeitet wurde, ihm verlorengegangene Fähigkeiten zurückzugeben.

Besonders die Physiotherapie blieb ihr in Erinnerung. Sie beobachtete, wie Therapeuten mit ihm übten und ihn Schritt für Schritt wieder mobilisierten. Für Leni-Sophie war es beeindruckend zu sehen, wie viel Physiotherapie nach einer solch schweren Erkrankung bewirken kann. Ihr Opa konnte schließlich wieder laufen und essen.

Zum ersten Mal verstand sie, dass Physiotherapie eben nicht nur Massage bedeutet. Es geht darum, Menschen nach Erkrankungen, Verletzungen oder Operationen dabei zu unterstützen, Beweglichkeit und Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Und manchmal geht es um etwas noch Grundlegenderes: darum, einem Menschen ein Stück seines bisherigen Lebens zurückzugeben.

Aus dieser Erfahrung entstand zunächst Neugier. Leni-Sophie begann, sich intensiver mit dem Berufsbild auseinanderzusetzen, informierte sich und entdeckte immer mehr Facetten, von denen sie zuvor nichts gewusst hatte. Einen einzelnen Moment, in dem plötzlich feststand, dass sie Physiotherapeutin werden wollte, habe es dabei gar nicht gegeben. Vielmehr sei der Wunsch nach und nach entstanden.

Plötzlich war da dieser Ausbildungsplatz

Als Leni-Sophie auf den Ausbildungsplatz am Sana-Krankenhaus Rügen aufmerksam wurde, passte vieles zusammen. Besonders wichtig war für sie, ihre Ausbildung in ihrer Heimat absolvieren zu können. Die Verbundenheit zu Rügen spielte bei ihrer Entscheidung deshalb eine große Rolle.

Dass sie tatsächlich ausgewählt werden würde, war keineswegs selbstverständlich. Es gab zahlreiche Bewerber. Umso größer war die Freude, als die Zusage kam. Leni-Sophie erinnert sich noch gut an diesen Moment – und daran, wie besonders es sich anfühlte, ausgerechnet den ersten Ausbildungsplatz für Physiotherapie am Sana-Krankenhaus Rügen zu bekommen.

Denn damit war klar: Sie würde nicht einfach eine von vielen Auszubildenden sein. Sie würde die Erste sein.

Für Leni-Sophie ist das bis heute etwas Besonderes. „Für mich ist es eine Ehre“, beschreibt sie ihre Rolle. Gleichzeitig sei ihr von Anfang an bewusst gewesen, dass damit auch eine gewisse Verantwortung verbunden ist. Schließlich geht sie einen Weg, den an diesem Standort vor ihr noch niemand als Physiotherapie-Auszubildende gegangen ist. 

Allein gelassen fühlt sie sich damit allerdings nicht. Im Gegenteil.

Vom ersten Tag an Teil des Teams

An ihren ersten Ausbildungstag erinnert sich Leni-Sophie noch gut. Vieles war neu und ungewohnt, gleichzeitig war da große Neugier auf das, was vor ihr lag. Eine Sorge erwies sich dabei schnell als unbegründet: die Frage, wie sie als erste Auszubildende von den erfahrenen Kollegen aufgenommen werden würde.

„Meine Kollegen haben mich von Anfang an unglaublich herzlich aufgenommen“, sagt sie. Sie nehmen sich Zeit für ihre Fragen, erklären ihr Abläufe und beziehen sie in den Arbeitsalltag ein. Gerade weil es vor ihr noch keine Auszubildende in diesem Bereich gab, bedeutet ihr diese Unterstützung viel.

Auch das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird, empfindet sie keineswegs als selbstverständlich. Es motiviert sie vielmehr, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln. Dabei möchte sie nicht einfach nur „die Auszubildende“ sein, sondern Teil des Teams.

Dass ihre Kollegen sie heute als empathisch, wissbegierig und engagiert beschreiben, erkennt sie durchaus in sich wieder. Besonders ihr Wissensdurst treibt sie an. Sie möchte verstehen, warum bestimmte Behandlungsmethoden funktionieren, Zusammenhänge erkennen und immer mehr lernen. Dass ihre Arbeit unmittelbar Menschen zugutekommt, verstärkt diesen Antrieb zusätzlich.

Viel mehr als Massage

Wie sehr sich ihr eigenes Bild von Physiotherapie verändert hat, merkt Leni-Sophie heute besonders im Vergleich zu ihren früheren Vorstellungen. Damals dachte sie hauptsächlich an Massagen. Inzwischen erlebt sie täglich, wie medizinisch anspruchsvoll und vielseitig der Beruf tatsächlich ist.

Physiotherapie bedeute, mit Bewegung, funktionellen Übungen und unterschiedlichsten Behandlungsmethoden daran zu arbeiten, Menschen nach Erkrankungen oder Verletzungen wieder möglichst viel Selbstständigkeit zu ermöglichen. Dabei müsse jede Therapie individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt werden.

Überrascht hat Leni-Sophie vor allem, wie tief die Ausbildung in medizinische Zusammenhänge einsteigt. Anatomie und Physiologie gehören ebenso dazu wie die intensive Beschäftigung mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. „Ich hätte nie gedacht, dass man so tief in Krankheitsbilder reinschaut“, sagt sie.

Mittlerweile weiß sie: Um einen Menschen therapeutisch sinnvoll begleiten zu können, reicht es nicht zu wissen, was man tun kann. Man muss auch verstehen, warum eine Erkrankung bestimmte Beschwerden verursacht und welche Auswirkungen sie auf den Körper hat.

Gerade diese Verbindung aus medizinischem Wissen, praktischer Arbeit und direktem Kontakt zu Menschen macht den Beruf für sie heute so interessant.

Lernen zwischen Schule und echten Patienten

Die Ausbildung verbindet für Leni-Sophie zwei Welten. Die schulischen Phasen absolviert sie in Stralsund, die praktischen Einsätze führen sie größtenteils zurück ins Sana-Krankenhaus Rügen. Hinzu kommen externe Ausbildungsstationen unter anderem in Psychiatrie, Rehabilitation, Gynäkologie und Neurologie.

Den Wechsel zwischen Theorie und Praxis empfindet sie als besonders wertvoll. Was zunächst im Unterricht abstrakt erscheint, begegnet ihr wenig später möglicherweise bei einem echten Patienten wieder. Gleichzeitig funktioniert die Realität nicht immer genauso wie im Lehrbuch. Genau das zwinge sie dazu, flexibel zu denken und das Gelernte auf unterschiedliche Menschen und Situationen zu übertragen.

Die Vielfalt fasziniert sie. Unterschiedliche Stationen bedeuten unterschiedliche Krankheitsbilder, Therapieansätze und Bedürfnisse. Kein Patient bringt exakt dieselben Voraussetzungen mit wie der vorherige.

Besonders neurologische Krankheitsbilder interessieren Leni-Sophie. Das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Bewegung empfindet sie als komplex und faszinierend. Vielleicht auch deshalb, weil genau dieser Bereich sie ursprünglich zur Physiotherapie gebracht hat.

Inzwischen erlebt sie selbst erste Momente, in denen aus gelerntem Wissen konkrete Hilfe wird. Wenn sie merkt, dass eine Behandlung einem Patienten tatsächlich etwas erleichtert oder dieser durch ihre Unterstützung einen Fortschritt macht, bekommt die Theorie plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Gleichzeitig ist sie realistisch genug, ihre Rolle als Auszubildende richtig einzuordnen. Sie weiß, dass sie noch viel lernen muss und vor ihr noch ein langer Weg liegt. Genau darauf freut sie sich.

Fachwissen allein reicht nicht

Schon während ihrer bisherigen Ausbildung hat Leni-Sophie außerdem festgestellt, dass gute Physiotherapie nicht allein von Behandlungstechniken lebt. Der Kontakt zu Patienten verlangt mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit.

Sie hat gelernt, wie wichtig es ist, gut zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und auf unterschiedliche Persönlichkeiten eingehen zu können. Nicht jeder Patient reagiert gleich, nicht jeder geht gleich mit Schmerzen, Einschränkungen oder Rückschlägen um.

Für Leni-Sophie gehört Empathie deshalb untrennbar zum Beruf. Gleichzeitig braucht es die Bereitschaft, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen. Genau darin erkennt sie sich auch in der Beschreibung ihrer Kollegen wieder: wissbegierig, engagiert und mit echtem Interesse an den Menschen, mit denen sie arbeitet.

Und ihr Wissensdurst endet für sie nicht mit dem Unterricht. Schon während ihrer Ausbildung möchte sie erste Weiterbildungen absolvieren. Je mehr sie über Physiotherapie erfährt, desto deutlicher wird ihr, wie viele Möglichkeiten der Beruf bietet – und wie viel es noch zu lernen gibt.

Dort bleiben, wo alles begonnen hat

Wie es nach ihrer Ausbildung weitergehen soll, weiß Leni-Sophie natürlich noch nicht bis ins letzte Detail. Eine Vorstellung hat sie aber bereits: Sie kann sich sehr gut vorstellen, zunächst am Sana-Krankenhaus Rügen zu bleiben.

Dabei spielt nicht nur ihre Verbundenheit zur Heimat eine Rolle. Es ist auch das Team, in dem sie ihre ersten beruflichen Erfahrungen sammelt und in dem sie sich von Beginn an willkommen gefühlt hat. Gerade diese Kombination aus Heimatverbundenheit und einem Umfeld, in dem sie sich entwickeln kann, macht den Standort für sie besonders.

Dass sie als erste Auszubildende einen neuen Weg beschreitet, ist dabei längst nicht mehr das Entscheidende. Wichtiger ist inzwischen, was sie auf diesem Weg entdeckt hat: einen Beruf, der wesentlich medizinischer, vielseitiger und menschlicher ist, als sie früher gedacht hätte.

Jungen Menschen, die Physiotherapie ebenfalls noch hauptsächlich mit Massagen verbinden, würde sie deshalb heute widersprechen. Der Beruf sei „unglaublich viel mehr als nur Massagen“. Er verbinde medizinisches Wissen mit Bewegung und vor allem mit der Arbeit mit Menschen. Gerade die Vielseitigkeit mache ihn für sie so besonders.

Vom Zuschauen zum eigenen Beruf

Und dann ist da noch ihr Opa.

Sein Schlaganfall war für Leni-Sophie zunächst vor allem ein einschneidendes Erlebnis für ihre Familie. Erst später wurde ihr bewusst, dass seine Geschichte auch ihren eigenen Lebensweg verändert hat. Durch ihn lernte sie Physiotherapie aus einer Perspektive kennen, die ihr zuvor völlig fremd gewesen war. Sie sah, was therapeutische Arbeit bewirken kann, und fand dadurch einen Beruf, den sie vorher kaum kannte.

Heute steht sie selbst am Anfang dieses Berufswegs.

Aus der Enkelin, die im Krankenhaus beobachtete, wie Physiotherapeuten ihrem Opa halfen, wird Schritt für Schritt eine Physiotherapeutin, die eines Tages anderen Menschen genau diese Unterstützung geben kann.

Und vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen seiner und ihrer Geschichte: Ihr Opa hat durch Physiotherapie ein Stück Selbstständigkeit zurückgewonnen. Leni-Sophie hat durch seine Erfahrung etwas anderes gefunden: ihren eigenen Weg.