
Es gibt Momente im Kreißsaal, in denen für einen Augenblick alles still wird. Noch vor wenigen Sekunden wurde gesprochen, geatmet und angefeuert. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit aller auf diesen einen Moment. Wenige Augenblicke später erfüllt das erste Schreien eines Neugeborenen den Raum.
Für die Eltern beginnt in diesem Augenblick ein neues Kapitel ihres Lebens. Für Friederike Knüpling, leitende Hebamme im Sana Klinikum Lichtenberg, ist es auch nach fast 30 Jahren jedes Mal aufs Neue ein besonderer Moment.
„Dass ich dabei sein darf, empfinde ich bis heute als große Ehre", sagt Friederike. Wer sie erlebt, merkt schnell, dass dieser Satz nicht nur eine schöne Formulierung ist. Er beschreibt ihre Haltung zu einem Beruf, der sie seit über drei Jahrzehnten begleitet. Obwohl ihr eigener Weg ursprünglich in eine ganz andere Richtung führen sollte.
Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester begann sie zunächst ein Medizinstudium. Alles sprach dafür, dass sie Ärztin werden würde. Doch während des zweiten Studienjahres wurde sie mit ihrer ersten Tochter schwanger. Rückblickend beschreibt sie diese Zeit als Wendepunkt ihres Lebens.
Während der Schwangerschaft wurde sie in einem Berliner Geburtshaus von Hebammen begleitet. Zum ersten Mal erlebte sie, was dieser Beruf wirklich bedeutet. „Ich hatte so viele Fragen und bekam immer eine zufriedenstellende Antwort. Die Hebammen hatten Zeit für meine Alltagsfragen und immer einen guten Tipp für mich", erinnert sie sich.
Was sie damals beeindruckte, war nicht allein die medizinische Kompetenz. Es war die Art, wie die Hebammen zuhörten, erklärten und Sicherheit vermittelten. Sie begleiteten nicht nur eine Schwangerschaft, sie begleiteten einen Menschen.
Ein Kindheitstraum, den sie lange aus den Augen verloren hatte, rückte plötzlich wieder in den Mittelpunkt: „Mein Wunsch, Hebamme zu werden, wurde durch diese Erfahrung kräftig unterfüttert."
Als ihre Tochter ein halbes Jahr alt war, traf sie eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut. Sie brach ihr Medizinstudium ab und begann 1996 die Hebammenausbildung. „Es war kein bestimmter Moment. Es war eher ein Prozess, der über eine gewisse Zeit gereift ist – gerade so, wie es ja auch mit Schwangerschaften und Geburten ist."
Dass dieser Schritt überhaupt möglich wurde, verdankt sie auch ihrer Familie. Besonders ihr Mann habe sie von Anfang an unterstützt. „Ohne ihn wäre das alles überhaupt nicht möglich gewesen. Im Schichtdienst zu arbeiten und gleichzeitig Kinder großzuziehen funktioniert nur mit einer starken Unterstützung im privaten Umfeld."
Schon während ihrer Ausbildung an der Charité wurde ihr bewusst, wie emotional dieser Beruf sein kann: „Jedes Mal, wenn das Kind zur Welt kam, kamen mir die Tränen", sagt Friederike. Heute kann sie darüber lachen. Damals fragte sie sich ernsthaft, wie sie jemals selbst Geburten begleiten sollte, wenn sie jedes Mal so gerührt war. Mit der ersten eigenen Geburt trat diese Sorge jedoch schnell in den Hintergrund. An ihre Stelle traten Konzentration, Verantwortung und das Vertrauen in das eigene Können.
Wer an Hebammen denkt, denkt meist an den Kreißsaal. An den Moment, in dem ein Kind geboren wird. Für Friederike greift dieses Bild viel zu kurz: „Wir sind fachliche Beraterinnen, aber oft auch Lebenscoach, Paarcoach oder fast so etwas wie eine gute Freundin mit guten Ratschlägen."
Hebammen begleiten Frauen und Familien weit über die eigentliche Geburt hinaus. Sie beantworten Fragen, nehmen Unsicherheiten, geben Orientierung und vermitteln Sicherheit in einer Lebensphase, die für viele Menschen ebenso aufregend wie herausfordernd ist.
Gerade diese Mischung aus medizinischem Fachwissen und menschlicher Nähe macht den Beruf für Friederike bis heute so besonders. „Natürlich gibt es auch schwierige Situationen. Aber im Großen und Ganzen dürfen wir Familien in einem der schönsten Momente ihres Lebens begleiten."
Für sie besteht die eigentliche Aufgabe einer Hebamme deshalb nicht nur darin, Geburten zu begleiten. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen – lange bevor das erste Kind geboren wird.
Nach über drei Jahrzehnten im Kreißsaal gibt es viele Begegnungen, die Friederike nie vergessen wird. Eine Geschichte bewegt sie bis heute besonders.
Sie betreute eine Frau, mit der sie sich sprachlich überhaupt nicht verständigen konnte. Es gab keine gemeinsame Sprache. Keine Möglichkeit, Anweisungen zu erklären oder Mut mit Worten zu machen. Und trotzdem entstand innerhalb weniger Stunden ein tiefes gegenseitiges Vertrauen. „Ich musste hinter ihrem Rücken sitzen, deshalb konnten wir uns nicht einmal ansehen. Also habe ich einfach gemeinsam mit ihr geatmet und in den entscheidenden Momenten mit ihr gepresst, damit sie spüren konnte, was ich von ihr wollte“, erinnert sie sich.
Was zunächst wie ein Hindernis erschien, entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen Erfahrung. Weil beide gezwungen waren, sich vollständig aufeinander zu verlassen, entstand im Kreißsaal eine besondere Ruhe. Aufmerksamkeit, Empathie und gegenseitiges Vertrauen ersetzten jedes gesprochene Wort. Friederike sagt: „Am Ende war das eine der schönsten und eindrücklichsten Geburten, die ich je begleiten durfte."
Diese Geschichte beschreibt den Hebammenberuf vielleicht besser als jede Stellenbeschreibung. Fachwissen ist unverzichtbar. Ebenso wichtig ist jedoch die Fähigkeit, Menschen Sicherheit zu geben, manchmal auch ganz ohne Worte.
So sehr Geburt mit Freude und einem Neuanfang verbunden ist, gehört auch eine andere Seite zu diesem Beruf. Eine Seite, über die selten gesprochen wird: „Tod. Verlust. Familien." Mit diesen drei Worten beantwortet Friederike die Frage nach den größten Herausforderungen ihres Berufs.
Hinter ihnen verbergen sich Situationen, die niemanden unberührt lassen: Eltern, die ihr Kind verlieren. Familien, die schon während der Schwangerschaft schwere Schicksalsschläge erleben. Oder Kinder, bei denen früh klar wird, dass ihr weiterer Lebensweg von großen gesundheitlichen Herausforderungen geprägt sein wird.
„Das sind Momente, die einen nicht kaltlassen", gibt Friederike unumwunden zu. Gerade deshalb brauche es Menschen, die fachlich sicher handeln und gleichzeitig ihre Menschlichkeit bewahren. Belastbarkeit, Empathie und Kommunikationsfähigkeit seien Eigenschaften, die Hebammen über viele Jahre begleiten müssten.
Denn jede Geburt bringt Verantwortung mit sich: „Wir müssen zu jeder Zeit im Blick haben, dass es Mutter und Kind gut geht und sich der gesamte Geburtsverlauf im normalen Bereich bewegt. Gleichzeitig müssen wir jederzeit erkennen, wenn aus einer normalen Geburt plötzlich eine besondere Situation wird."
Diese Verantwortung beginnt lange vor der Geburt und endet auch nicht mit dem ersten Schrei eines Kindes. Hebammen begleiten Familien oft über Wochen oder Monate hinweg. Sie beantworten Fragen, nehmen Ängste und schenken Sicherheit: manchmal mit einer fachlichen Erklärung, manchmal einfach dadurch, dass sie da sind.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich viele Familien auch Jahre später noch an ihre Hebamme erinnern.
„Es geht nichts über die Dankbarkeit, die man zurückbekommt", sagt Friederike. Sie erzählt von Müttern, die ihr bei der Entlassung um den Hals fallen, und von Vätern, die sich mit Tränen in den Augen bedanken. „Wenn ein Vater sagt: 'Ohne Sie hätten wir das nicht geschafft', dann ist das etwas ganz Besonderes. Ob das wirklich stimmt, glaube ich ehrlich gesagt gar nicht. Aber es zeigt, welches Vertrauen in diesem Moment entstanden ist."
Diese Begegnungen sind es, die sie bis heute antreiben. Nicht Titel. Nicht Karriere. Sondern das Wissen, Menschen in einer der bedeutendsten Phasen ihres Lebens begleitet zu haben.
Seit 2015 leitet Friederike Knüpling den Kreißsaal und die Geburtshilfe im Sana Klinikum Lichtenberg. Mit der Leitungsfunktion hat sich ihr Aufgabenbereich verändert, ihre Haltung zum Beruf jedoch nicht. „Gute Führung beginnt mit guter Kommunikation. Man muss bereit sein, sich Konflikten zu stellen, und nicht davor wegzulaufen."
Besonders stolz ist sie auf ihr Team. Auf Kolleginnen, die Hebammenstudierende mit Geduld begleiten. Auf erfahrene Hebammen, die internationale Kolleginnen während ihres Anerkennungslehrgangs unterstützen. Und auf Menschen, die Veränderungen nicht nur akzeptieren, sondern aktiv mitgestalten. „Genau dadurch entsteht ein Team, das voneinander lernt und sich gegenseitig trägt", erklärt sie.
Vielleicht schließt sich auch hier ein Kreis. Denn das Vertrauen, das Friederike damals selbst von Hebammen erfahren hat, gibt sie heute an werdende Familien, junge Kolleginnen und die nächste Generation von Hebammen weiter.
„Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden.“ Über drei Jahrzehnte sind vergangen, seit Friederike ihr Medizinstudium gegen eine Hebammenausbildung eingetauscht hat. Bereut hat sie diese Entscheidung nie, „weil dieser Beruf nie langweilig wird. Man erlebt immer wieder etwas, das man vorher noch nicht kannte. Und man lernt ständig dazu."
Vielleicht ist genau das das Besondere am Hebammenberuf. Er verbindet medizinisches Wissen mit Menschlichkeit, Verantwortung mit Nähe und Professionalität mit Empathie. Jeder Tag ist anders. Jede Geburt erzählt ihre eigene Geschichte. Und jede Familie bringt ihre ganz persönlichen Hoffnungen, Sorgen und Erwartungen mit.
Für Friederike ist genau diese Vielfalt der Grund, warum sie ihren Beruf bis heute mit derselben Begeisterung ausübt wie zu Beginn ihrer Laufbahn.
Aus einer persönlichen Erfahrung wurde eine Berufung. Heute ist es Friederike selbst, die werdende Eltern begleitet, Sicherheit vermittelt und Vertrauen schenkt. Genau darin liegt für sie bis heute das Besondere ihres Berufs: „Dass ich Familien auf diesem Weg begleiten darf, empfinde ich bis heute als große Ehre.“