Physiotherapie als Traumberuf bei Sana

Vom eigenen Schmerz zur Physiotherapie: Ein Berufswunsch, der mit elf Jahren begann

Manchmal entsteht ein Berufswunsch nicht durch einen Berufsorientierungstag oder ein Praktikum, sondern durch eine Erfahrung, die man eigentlich lieber nicht gemacht hätte. Bei Kerstin Daase war es genau so. Schon mit elf Jahren lernte sie Physiotherapie kennen, allerdings nicht als mögliche berufliche Zukunft, sondern als Patientin.

Sie erlebte am eigenen Körper, wie einschränkend Schmerzen und fehlende Beweglichkeit sein können. Gleichzeitig stellte sie fest, welchen Unterschied die richtige therapeutische Behandlung machen kann. Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Elektrotherapie: Kerstin faszinierte schon damals, dass sich mit gezielten Methoden Schmerzen lindern und Mobilität zurückgewinnen lassen. Vor allem aber beeindruckte sie die Möglichkeit, Menschen ganz konkret helfen zu können. Physiotherapie wurde für sie früh zum „absoluten Traumberuf“.

Diese eigene Erfahrung prägt ihre Arbeit bis heute. Kerstin weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper plötzlich Grenzen setzt. Genau deshalb sei es ihr „klares Ziel und Herzenswunsch, Patienten durch vielseitige Methoden wieder fit und mobil zu machen“.

Heute ist Kerstin Physiotherapeutin und stellvertretende Leitung der Physiotherapie am Sana-Krankenhaus Rügen. Dass sie diesen Beruf einmal ausüben würde, stand für sie innerlich schon früh fest. Der direkte Weg dorthin blieb ihr jedoch zunächst versperrt.

Der Traum musste warten

Als Kerstin ihre erste Ausbildung beginnen wollte, war sie 16 Jahre alt. Für die damalige Physiotherapieausbildung musste sie jedoch mindestens 17 sein. Hinzu kamen Schulgeld und ein notwendiger Umzug, weil es keine entsprechende Schule in ihrer Nähe gab. Ohne Anspruch auf BAföG war dieser Weg für ihre Familie damals finanziell nicht zu stemmen.

Also entschied sie sich zunächst für eine kaufmännische Ausbildung. Doch schnell merkte sie, dass sie beruflich nicht angekommen war. „Der kaufmännische Beruf hat mich nie erfüllt“, sagt sie rückblickend. Die Arbeit sei ihr oft „langweilig und trocken“ erschienen. Statt den ganzen Tag vor dem Computer mit Zahlen zu arbeiten, wollte sie das tun, was sie schon als Jugendliche begeistert hatte: mit Menschen arbeiten und unmittelbar erleben, was die eigene Arbeit bei ihnen bewirken kann.

Der Wunsch nach Physiotherapie verschwand deshalb nie. Immer wieder entdeckte Kerstin in lokalen Zeitungen Anzeigen von Physiotherapieschulen. Irgendwann war der richtige Zeitpunkt gekommen. Mit 26 Jahren entschied sie sich, noch einmal neu anzufangen. Ihr Mann und ihre Familie bestärkten sie darin und gaben ihr den nötigen Rückhalt.

2007 begann sie schließlich mit BAföG-Unterstützung ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin. Einfach war dieser Neustart nicht: Ihre Tochter war damals zwei Jahre alt, gelernt wurde deshalb häufig abends. An ihrer Entscheidung gezweifelt habe sie trotzdem nie. Als sie drei Jahre später ihren Abschluss in der Hand hielt, war das Gefühl entsprechend eindeutig: „Endlich am Ziel – in meinem Traumberuf.“

Vom Traumberuf in die Verantwortung

Direkt nach ihrer Ausbildung begann Kerstin 2010 als Physiotherapeutin am Sana-Krankenhaus Rügen. Die ersten Monate waren geprägt von einem neuen Beruf, neuen Kollegen und neuen Abläufen. Dass erfahrene Kollegen sie dabei unterstützten, habe ihr den Einstieg deutlich erleichtert.

Schon wenige Jahre später folgte der nächste Entwicklungsschritt: 2013 übernahm sie kommissarisch erste Führungsaufgaben, seit 2014 ist sie stellvertretende Leitung der Physiotherapie. Dass ihr jetziger Vorgesetzter, die damalige und heutige Pflegedienstleitung, ihr dieses Vertrauen entgegenbrachten, eröffnete ihr eine zusätzliche Perspektive. Neben der unmittelbaren Arbeit mit Patienten konnte sie nun auch die Abteilung und ihre Abläufe mitgestalten.

Auf den direkten Patientenkontakt möchte sie trotzdem nicht verzichten. Gerade diese Kombination macht für Kerstin den Reiz ihrer heutigen Aufgabe aus: „Ich schätze den direkten Erfolg bei den Patienten genauso wie die strategische Gestaltung im Team.“

„Es sind mehrere Berufe in einem“

Wer Physiotherapie vor allem mit Massagen, Rückenschmerzen oder einigen Übungen nach einer Operation verbindet, sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Berufs. Für Kerstin ist Physiotherapie „so viel mehr“. Sie vereine sogar „mehrere Berufe in einem“: Medizin, Pädagogik, Psychologie und Handwerk.

Physiotherapeuten behandeln für sie nicht einfach einen schmerzenden Muskel. Sie betrachten den Menschen, seine Erkrankung, seine Lebenssituation und seine individuellen Möglichkeiten. „Wir behandeln nicht nur Muskeln, sondern den ganzen Menschen in all seinen Lebenslagen“, beschreibt Kerstin ihren Anspruch. Entscheidend sei der ganzheitliche Blick: nicht nur ein akutes Symptom zu behandeln, sondern nach seiner tatsächlichen Ursache zu suchen. Gleichzeitig verschweigt sie nicht, dass der Beruf körperliche und mentale Fitness verlangt.

Wie vielseitig Physiotherapie tatsächlich sein kann, erlebt sie am Sana-Krankenhaus Rügen jeden Tag. Ihr Arbeitsfeld reicht von stationären und ambulanten Behandlungen über Kurzzeitpflege und Hospiz bis zu Reha-Sportgruppen und Atemtherapie. Kerstin begleitet dabei, wie sie selbst sagt, Menschen „vom Sportler bis zum sterbenden Patienten“. Innerhalb kürzester Zeit kann sich deshalb nicht nur die medizinische Aufgabe, sondern auch die emotionale Situation vollkommen verändern. Jede Situation verlangt eine andere therapeutische Zielsetzung und eine andere Form der menschlichen Begleitung.

Wenn aus kleinen Schritten große Veränderungen werden

Besonders gerne arbeitet Kerstin in der Traumatologie und Orthopädie. Dort kann sie häufig unmittelbar beobachten, was ihre Behandlung bewirkt: Beweglichkeit kehrt zurück, Schmerzen lassen nach und Patienten gewinnen Fähigkeiten wieder, die durch Verletzungen oder Operationen verloren gegangen waren.

Noch stärker berührt sie jedoch die Arbeit mit neurologischen Patienten. Schon während ihrer Ausbildung faszinierte sie, was sich manchmal mit scheinbar kleinen Fortschritten erreichen lässt. „Wir erarbeiten gemeinsam aus minimalen Fortschritten die größten Lebensveränderungen“, beschreibt sie diese Arbeit. Der Weg zurück in ein selbstständigeres Leben zeige ihr immer wieder, wie wandlungsfähig das menschliche Nervensystem sei.

Wenn ein Mensch nach langer Behandlung wieder selbstständig aufstehen kann oder Fähigkeiten zurückgewinnt, die zuvor selbstverständlich waren, verlieren diese Momente für Kerstin auch nach vielen Berufsjahren nichts von ihrer Intensität. Wenn alltägliche Dinge plötzlich wieder funktionieren und sie „das Strahlen der Patienten wieder im Gesicht“ sieht, berühre sie das immer wieder.

Dabei verläuft der Weg selten geradlinig. Fortschritte brauchen Zeit und Rückschläge gehören dazu. Genau dann verändert sich auch Kerstins Rolle. „In solchen Phasen bin ich weniger Therapeutin und viel mehr Motivatorin und Seelentrösterin.“ Wenn Patienten selbst kaum noch wahrnehmen, was sie bereits erreicht haben, versucht sie, den Blick bewusst auf diese Fortschritte zu lenken. Aufgeben sei keine Option – gleichzeitig müsse man akzeptieren, dass Geduld und viele kleine Schritte manchmal der einzige Weg zum nächsten Ziel sind. 

Physiotherapie ist deshalb für Kerstin immer auch Beziehungsarbeit. Einfühlungsvermögen, Vertrauen und Motivation sind für sie keine Ergänzungen zur fachlichen Kompetenz. „Ohne eine starke emotionale Basis nützt auch die beste fachliche Technik nichts“, sagt sie.

Ein Beruf, der viel gibt und viel verlangt

Zu einem ehrlichen Bild ihres Berufs gehört für Kerstin auch, über dessen schwierige Seiten zu sprechen. Dass Physiotherapie körperlich anstrengend sein kann, wissen viele. Weniger sichtbar seien dagegen die mentalen Belastungen.

Physiotherapeuten erleben Ängste und Sorgen ihrer Patienten und erfahren von Schicksalen, die sich nicht einfach mit dem Feierabend ausblenden lassen. Gleichzeitig ist die Zeit für eine Behandlung häufig knapp. „Man hat gerade mit der Therapie angefangen und muss gefühlt schon wieder aufhören“, beschreibt Kerstin eine Situation aus dem Berufsalltag. Hinzu kommen Dokumentation und Bürokratie sowie Erwartungen von Patienten und Angehörigen, die mitunter auf eine schnelle „Wunderheilung“ hoffen.

Auch Kerstin musste lernen, mit diesen Belastungen umzugehen. Wenn trotz aller Anstrengungen nicht der gewünschte Fortschritt eintritt, helfen ihr klare Grenzen zwischen Beruf und Freizeit und der bewusste Blick auf kleine, manchmal zunächst unsichtbare Entwicklungsschritte. Selbstzweifel seien in solchen Situationen menschlich, „aber sie dürfen nicht überhandnehmen“.

Gerade dieser offene Blick auf beide Seiten macht ihre Begeisterung für den Beruf glaubwürdig. Physiotherapie bedeutet für sie nicht, jeden Menschen innerhalb kürzester Zeit wieder vollständig gesund zu machen. Manchmal verändert sich das Ziel einer Behandlung. Bei chronischen Erkrankungen geht es beispielsweise darum, deren Fortschreiten zu verlangsamen und Patienten so lange wie möglich ein aktives und selbstständiges Leben zu ermöglichen.

Die Momente, die bleiben

Einige Patienten begleitet Kerstin bereits seit vielen Jahren. Mit der Zeit entstehe dabei ein besonderes „Urvertrauen“. Man kenne den Menschen, seine Möglichkeiten und seine Grenzen und könne die Therapie entsprechend individuell gestalten. Diese langjährigen Begegnungen geben auch Kerstin selbst viel zurück. „Vor allem lernt man wieder, mit kleinen Dingen zufrieden zu sein.“ 

Denn Erfolg bedeutet in der Physiotherapie nicht immer den großen Durchbruch. Manchmal ist es ein Arm, den ein Patient nach einer Operation erstmals wieder heben kann. Ein Morgen ohne Rückenschmerzen. Das erste selbstständige Aufstehen. Oder ein kleiner Schritt, der für den Menschen, der ihn macht, ein riesiger ist.

Genau diese Erfolgserlebnisse motivieren Kerstin bis heute. Wenn ein Patient nach Wochen wieder eine Bewegung schafft, die vorher unmöglich war, oder eine Behandlung endlich die erhoffte Wirkung zeigt, erlebt sie unmittelbar den Sinn ihrer Arbeit. „Die Dankbarkeit und das Vertrauen, das Patienten einem als Therapeutin entgegenbringen, ist ein enormer Energielieferant.“

Der Beruf, von dem sie schon als Kind fasziniert war und auf den sie selbst viele Jahre warten musste, gibt ihr heute genau das zurück, was sie damals als Patientin erlebt hat: die Möglichkeit, durch Wissen, Erfahrung und menschliche Nähe etwas ganz Konkretes im Leben eines anderen Menschen zu verändern.

Und vielleicht ist es gerade ihr eigener, nicht immer geradliniger Weg, der Kerstins Botschaft an junge Menschen so glaubwürdig macht. Denn wenn sie heute jemandem begegnet, dessen Berufswunsch zunächst unerreichbar erscheint, würde sie vor allem eines mitgeben: „Halte immer an deinem Traum fest und gehe deinen Weg, auch wenn er steinig ist.“