
Handwerk, Technik und Schrauben: viel komplizierter waren die beruflichen Vorstellungen von Henner Klitzsch am Anfang eigentlich nicht. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Industriemechaniker für Geräte- und Feinwerktechnik. Sein Ausbildungsbetrieb stellte damals unter anderem Elektrorollstühle, Stehhilfen und Krankenbetten her. Henner fertigte Bauteile und lernte die technische Seite der Produkte von Grund auf kennen. Dass daraus einmal eine berufliche Leidenschaft werden würde, ahnte er damals noch nicht.
Sein weiterer Weg führte zunächst in ganz andere Bereiche. Nach einem schweren Arbeitsunfall und dem Ende seines damaligen Arbeitsverhältnisses arbeitete er bei Siemens in der Fertigung von Kernspin- und Röntgengeräten, später als Maschinenschlosser im Anlagenbau. Bis ihm schließlich eine Stelle in der Werkstattleitung eines Rehatechnik-Unternehmens angeboten wurde.
Rollstühle kannte er schließlich schon aus seiner Ausbildung. Und technisch konnte das doch eigentlich nicht so kompliziert sein. „Ach, das ist doch wie Fahrrad schrauben, das bekommen wir locker hin“, erinnert er sich an seine damalige Einstellung.
Henner sollte ziemlich schnell feststellen, wie sehr er sich getäuscht hatte.
Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, ob eine Schraube sitzt oder eine technische Konstruktion funktioniert. Hinter jedem Hilfsmittel stand ein Mensch. Mit einer Erkrankung, einer Lebensgeschichte, individuellen Bedürfnissen und manchmal existenziellen Sorgen. Genau diese Verbindung veränderte Henners Blick auf seine Arbeit. „Als ich dann feststellen durfte, wie hoch der Anspruch daran ist, sich mit den Menschen hinter den Hilfsmitteln zu befassen, war ich angekommen.“ Die Mischung aus Technik, Handwerk und der Arbeit mit Menschen habe ihn von da an „gefesselt“.
Das war 2003. Heute arbeitet Henner Klitzsch im Außendienst Rehatechnik bei der reha team Nordbayern – Gesundheitstechnik GmbH. Als Produktspezialist für Aktiv- und Elektroversorgungen und Medizinprodukteberater kümmert er sich um komplexe Hilfsmittelversorgungen für Kinder und Erwachsene. Sein Arbeitsgebiet reicht vom Aktiv- und Elektrorollstuhl über Handbikes und Zuggeräte bis zu individuellen Sonderlösungen. Und je anspruchsvoller eine Versorgung wird, desto mehr ist Henner in seinem Element. Sein persönliches Motto bringt das ziemlich gut auf den Punkt: „Je komplexer, desto besser.“
Sein persönliches Motto dabei könnte kaum eindeutiger sein: „Je komplexer, desto besser.“
Was Henner macht, lässt sich auf den ersten Blick relativ einfach erklären: Er versorgt Menschen mit Hilfsmitteln, die Einschränkungen im täglichen Leben ausgleichen sollen. In der Realität beginnt seine eigentliche Arbeit aber genau dort, wo diese einfache Erklärung endet.
Viele seiner Kunden leben mit schweren Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Eine Versorgung von der Stange reicht dann häufig nicht aus. Stattdessen muss ein Hilfsmittel exakt an den Menschen, seine Fähigkeiten, seine Erkrankung und sein Lebensumfeld angepasst werden.
Dann entstehen Lösungen mit Augen- oder Kopfsteuerung, elektrischen Zusatzantrieben oder Umfeldsteuerungen. Manchmal kombiniert Henner Komponenten verschiedener Hersteller miteinander, um überhaupt die richtige Versorgung möglich zu machen. „Meine Aufgabe ist es, aus einem Hilfsmittel alles rauszuholen, was geht“, beschreibt er seinen Anspruch. Sonderbau, Individualbau und zusätzliche Funktionen gehören deshalb ganz selbstverständlich zu seinem Alltag.
Doch bevor überhaupt über Technik gesprochen wird, beschäftigt ihn eine ganz andere Frage: Wer ist der Mensch, der dieses Hilfsmittel später benutzen soll?
Wie lebt er? Wie wohnt er? Wie geht er mit seiner Erkrankung um? Wie sieht sein familiäres Umfeld aus? Arbeitet er? Fährt er Auto? Was möchte er in seinem Alltag weiterhin selbstständig tun können?
Für Henner ist deshalb klar: „Wir möchten ja eigentlich nix verkaufen, sondern wir möchten versorgen.“ Das Produkt komme erst später. „Der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht das Produkt.“
Wie entscheidend dieser ganzheitliche Blick ist, zeigt sich besonders bei einer Erstversorgung. Sitzt ein Patient beispielsweise noch in einer Klinik, reicht es Henner nicht, nur die dortige Situation zu beurteilen. Er muss wissen, wie dieser Mensch außerhalb des Klinikzimmers lebt.
Deshalb schaut er sich gegebenenfalls auch das Zuhause an und versucht, Anforderungen mitzudenken, die dem Patienten selbst vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Eine medizinisch sinnvolle Lösung ist schließlich nur dann wirklich gut, wenn sie auch zum tatsächlichen Leben passt.
Henner erklärt das mit einem einfachen Vergleich: Wenn jemand eigentlich klettern möchte, helfen ihm die besten Laufschuhe wenig. Sie mögen hochwertige Schuhe sein, es sind nur die falschen für das, was dieser Mensch damit vorhat.
Bei einem individuell angepassten Aktiv- oder Elektrorollstuhl können deshalb unzählige Parameter eine Rolle spielen. Von der ersten Beratung über Hausbesuche und Erprobungen bis zur Dokumentation, Abstimmung mit Krankenkassen und schließlich zur Auslieferung können Monate vergehen. Währenddessen kann sich der Gesundheitszustand des Menschen verändern – und damit möglicherweise auch die gesamte Planung.
Ein standardisierter Ablauf ist deshalb kaum möglich. „Heute gut ist morgen schlecht“, sagt Henner über manche Krankheitsverläufe. Genau diese Unberechenbarkeit mache die Arbeit anspruchsvoll und aufwendig. „Das muss man wirklich lieben.“
Warum er diese Arbeit trotzdem seit mehr als zwei Jahrzehnten macht, wird deutlich, sobald Henner von seinen Kunden erzählt.
Dann geht es plötzlich nicht mehr um technische Parameter, Genehmigungsverfahren oder Krankenkassen. Dann erzählt er von Kindern, die wieder mit anderen Kindern spielen und herumsausen können. Von Menschen, die dank einer passenden Versorgung wieder arbeiten oder Sport treiben. Von Kunden, die mit ihrem Bike die Alpen überquert oder es wieder bis ans Meer geschafft haben.
Und manchmal ist der Erfolg viel kleiner. Zumindest von außen betrachtet.
Vielleicht gelingt es einem Menschen erstmals wieder, selbstständig ins Bett zu kommen. Oder wieder allein zu essen.
Für Henner sind diese Momente nicht weniger wert. „Jede Versorgung hat für mich Bedeutung und jeder kleine Erfolg bleibt mir im Herzen“, sagt er. Genau darin liege seine tägliche Motivation: „Menschen ein Stück Leben zurückzugeben.“
Technik bekommt dadurch eine völlig andere Bedeutung. Ein Elektrorollstuhl ist dann nicht einfach ein Medizinprodukt. Ein Handbike ist nicht einfach ein technisches Hilfsmittel. Und eine Steuerung ist nicht einfach eine Ansammlung elektronischer Komponenten.
Sie können Selbstständigkeit bedeuten. Mobilität. Teilhabe. Einen Beruf. Ein Hobby. Oder schlicht die Möglichkeit, etwas wieder ohne fremde Hilfe zu schaffen.
Jeder noch so kleine Erfolg zeige ihm deshalb, warum er diesen Beruf ausübt. „Das bedeutet mir alles“, sagt Henner.
Wer Menschen mit schweren oder fortschreitenden Erkrankungen über längere Zeit begleitet, erlebt allerdings nicht nur Erfolgsgeschichten. Auch das gehört für Henner untrennbar zu seiner Arbeit.
Er begegnet Menschen in Situationen, in denen eine Diagnose ihr gesamtes bisheriges Leben verändert. Er erlebt Sorgen und Ängste, schwierige Krankheitsverläufe und auch den Tod. Gleichzeitig begleitet er Angehörige, die mit diesen Veränderungen umgehen müssen.
Professionelle Distanz bedeutet für ihn deshalb nicht, unnahbar zu werden. Im Gegenteil. „Der Mensch muss merken und spüren, dass ich mich wirklich für ihn und seine Sorgen und Probleme interessiere“, sagt Henner. Wenn er einen Raum betrete, bekomme der Patient seine volle Aufmerksamkeit – unabhängig davon, wer sonst noch am Tisch sitzt.
Denn eine technisch perfekte Versorgung allein reicht aus seiner Sicht nicht. Der Mensch müsse sich verstanden und ernst genommen fühlen. Dafür brauche es neben technischem Wissen soziale Kompetenz, Stressresistenz, Selbstständigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen.
Gerade bei komplexen Versorgungen ist zudem das Zusammenspiel vieler Beteiligter entscheidend: Ärzte, Therapeuten, Kliniken, Krankenkassen, Medizinischer Dienst, Angehörige und Rehatechniker müssen gemeinsam Lösungen finden. Dass diese Zusammenarbeit in der Praxis nicht immer reibungslos funktioniert, erlebt Henner regelmäßig. Umso wichtiger sei es, bei allen unterschiedlichen Interessen nicht aus dem Blick zu verlieren, um wen es eigentlich geht: den Menschen, für den am Ende eine funktionierende Lösung entstehen soll.
Seit Henner 2003 beim reha team Nordbayern – Gesundheitstechnik GmbH angefangen hat, hat sich nicht nur seine eigene Aufgabe, sondern auch das Unternehmen stark verändert. Aus dem damaligen Betrieb mit drei Filialen und rund 60 Mitarbeitern ist ein Unternehmen mit 21 Filialen und mehr als 320 Mitarbeitern geworden. Auch Henner entwickelte sich weiter: vom Quereinsteiger über die Werkstattleitung mit wachsender Verantwortung bis zum Produktspezialisten für komplexe Aktiv- und Elektroversorgungen.
Verändert hat sich aber auch die Arbeit selbst. Dokumentationspflichten und gesetzliche Vorgaben sind umfangreicher geworden, Abstimmungsprozesse komplexer und viele Kontakte unpersönlicher. Henner vermisst dabei manchmal die Zeiten, in denen sich Beteiligte häufiger direkt zusammensetzten und Lösungen auf kurzem Weg miteinander besprachen.
Dass er trotzdem weitermacht, hat wenig mit Gewohnheit zu tun. „Ich liebe nun mal meinen Job“, sagt er.
Er hat einen großen Teil seines Berufslebens in das Unternehmen und seine Arbeit investiert. Vor allem aber gibt es da die Menschen, die er über viele Jahre begleitet. In seinem Telefon befinden sich inzwischen unzählige Kontakte zu Kunden, für deren Versorgung er Verantwortung übernommen hat. Sie „nicht alleine lassen“ zu wollen, ist für ihn bis heute ein wesentlicher Antrieb.
Sein Rat an Menschen, die selbst in die Rehatechnik einsteigen möchten, fällt deshalb bemerkenswert ungeschönt aus. Technisches Verständnis und handwerkliches Geschick seien wichtig. Noch wichtiger seien Ausdauer, Belastbarkeit und die Bereitschaft, sich intensiv in komplexe Themen einzuarbeiten. Ein Beruf für jemanden, der einfach nur Produkte verkaufen möchte, sei das nicht.
Was man dafür bekommt, beschreibt Henner auf seine ganz eigene Art. Reich werde man in diesem Beruf vielleicht nicht unbedingt – „nur an Wissen und Menschlichkeit“.
Vielleicht ist genau das die beste Beschreibung für einen Beruf, in den Henner ursprünglich eher zufällig hineingeraten ist. Was mit der Freude an Technik und am Schrauben begann, ist längst zu etwas anderem geworden.
Natürlich begeistert ihn noch immer die technische Herausforderung. Wenn eine Versorgung besonders kompliziert wird, verschiedene Komponenten zusammenspielen müssen und eine individuelle Lösung gefragt ist, ist Henner in seinem Element.
Aber Technik ist für ihn nie Selbstzweck.
Entscheidend ist, was sie einem Menschen ermöglicht.
Dass ein Kind wieder mit anderen Kindern spielen kann. Dass jemand seinen Beruf wieder ausüben kann. Dass ein Mensch mit seinem Handbike die Alpen überquert. Oder dass es ihm erstmals wieder gelingt, selbstständig vom Rollstuhl ins Bett zu kommen.
Die Dimension des Erfolgs spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist der Mensch, für den dieser Erfolg einen Unterschied macht.
Genau dieses Gefühl habe ihn schon bei seinen ersten Versorgungen gepackt und bis heute nicht losgelassen. „Das ist auch heute noch mein Anspruch und das, was ich liebe“, sagt Henner: „Menschen glücklich zu machen.“